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Gedanken einer Schauspielerin – An Actress's Thoughts

Früh übt sich … – ‚Tis early practice only …

Ein Kommentar

English Version follows German.

„Früh übt sich, was ein Meister werden will.“ – Eine Auseinandersetzung mit der Frage, was ein deutliches Geschlechterungleichgewicht in Film und Fernsehen für ein junges Publikum bedeuten kann (Gedanken aus London, Los Angeles und Berlin), die Saure Gurke und Juristinnen.

Nicht nur per direktem Aufruf, das Blog-Abo (oben rechts: Blog abonnieren / Follow Blog via Email), oder Verlinkungen auf anderen Seiten sondern auch über Suchmaschinen landen Leser/innen regelmäßig bei SchspIN. Dieser Tage führte u.a. das Gugeln nach „Happy birthday Bilder für Männer“ und „junge fraulein und elder man“ hierher😉 . Und regelmäßig suchen Leute nach „Sesamstraße“ oder einzelnen Protaganist/innen daraus, und kommen zu diesem Text: Die Sesamstraße wird 40, den ich vor einigen Monaten anlässlich des 40-jährigen Jubiläums über das erschlagende Männerübergewicht bei Figuren, Puppen und Monstern der Sesamstraße schrieb. Bedeutet eine Sozialisation mit Kindersendungen ohne oder fast ohne weibliche Figuren, dass das Publikum (insbesondere die Entscheider/innen) im Erwachsenenalter die deutliche Unterprepräsentanz von Frauen im fiktionalen und nichtfiktionalen Fernsehen nicht mehr wahrzunehmen?
Über etwas ähnliches schrieb am 12. November Rebecca Brand, Filmschaffende und Kommunikationsexpertin aus London, im Guardian: „If she can’t see it, she can’t be it: why media representation matters“.

Rebecca Brand (Foto: Daniella Cesarei)

Rebecca Brand (Foto: Daniella Cesarei)

Sie schreibt: Ob wir es zugeben wollen oder nicht, die Figuren, die wir im Film und im Fernsehen sehen, in die wir uns verlieben, mit denen wir lachen, weinen, aufwachsen – haben einen Einfluss auf unser Leben. Sie tragen dazu bei, uns zu dem zu machen was wir sind, was wir sein wollen, wie wir die Welt um uns sehen. Deshalb ist die Darstellung in den mainstream Medien von Bedeutung. (…) Was vermitteln wir diesen jungen, beeindruckbaren Gemütern über Frauen?  Und wie stutzen wir die Ambitionen von kleinen Mädchen zusammen, bevor sie sich überhaupt entwickeln können?
Überspitzt gesagt: Wenn Mädchen von klein auf in den Medien und fiktionalen Formaten ganz selbstverständlich mit einem deutlichen Männerübergewicht groß werden, und sie dazu noch von der Spielzeug- und Süßigkeitenbranche mit einer rosa Prinzessinnenmonokultur überschüttet werden, wie sollen sie dann davon träumen, Seeräuberin, Geheimagentin, Bäuerin, Rennfahrerin, Atomphysikerin oder Erfinderin zu werden? Und wie sollen Jungen auf die Idee kommen, dass Mädchen mehr können als sich rosa anziehen und retten lassen?
Rebecca Brands aktuelles Projekt mit dem Titel „Credible Likeable Superstar Role Model“ (derzeit noch in der Crowdfundingphase
) ist ein Dokumentarfilm über „den verwegenen und provokanten Protest der Performancekünstlerin Bryoni Kimmings und ihrer 9 Jahre alten Nichte Taylor gegen die Tendenz einer Sexualisierung und Vereinheitlichung der Kindheit.“

Auch das 2004 in den USA von der Schauspielerin Geena Davis gegründete Geena Davis Institute on Gender in Media beschäftigt sich mit dem ungleichen Repräsentanz der Geschlechter – eine ausgedehnte Untersuchung von 400 Kindernfilmen beispielsweise ergab ein Rollenverhältnis von 3 männlichen auf 1 weibliche Rolle – und kämpft für eine veränderte Darstellung weiblicher Figuren und Geschlechterstereotype in Kindersendungen und den Medien der Unterhaltungsbranche allgemein.

Um ähnliche Themen ging es auch beim 36. Herbsttreffen der Medienfrauen von ARD, ZDF, ORF und Schweizer Rundfunk, die vom 8. bis 10. November bei den Kolleginnen von Rundfunk Berlin-Brandenburg und Deutschlandradio in Berlin zu Gast waren: „Welche Rolle spielen Frauen in den öffentlich-rechtlichen Sendern? Wie finden wir Frauen uns wieder? Was hat sich in den letzten Jahren getan?“ 
Außerdem wurde wie jedes Jahr die Saure Gurke verliehen, eine Negativauszeichnung für Beiträge,

  • in denen Frauen nicht vorkommen
  • in denen Frauen über ihren Körper definiert werden
  • die den Zuschauerinnen und Zuschauern überidealisierende Rollenmodelle aufdrängen.

Preisträger 2013 ist der neueste Erfurt-Tatort „Kalter Engel“. In der Begründung der Jury heißt es: „Wir treffen auf Frauenrollen, die wir in 40 Jahren Tatort kennen und lieben gelernt haben: die Heilige, die Hure, die herrische Vorgesetzte und ein Mordopfer, das selbst schuld ist. Auch ein ‚junger‘ Tatort kann ziemlich gestrig sein!“

Angenommen es gäbe auch einen Nachwuchspreis – das Saure Gürkchen oder der Cornichon z.B., der entsprechende Beiträge für Kinder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auszeichnet, ich würde für 2013 diesen Radiobeitrag vorschlagen:
Von der Polizei verhaftet – und dann? Autorin Corinna Thaon, Redakteurin Claudia König-Suckel, ausgestrahlt am 2.11.2013 in der täglichen Kindersendung Kakadu von DRadio Kultur.

Ein Cornichon für den Kakadu? - A Gherkin for the Cockatoo?

Ein Cornichon für den Kakadu? – A Gherkin for the Cockatoo?

Worum ging es?
Bei seinem 15. Einbruch wurde Charlie von der Polizei erwischt. Doch was passiert dann mit einem solchen Täter? In unserem Rechtsstaat werden Menschen bestraft, die gegen das Gesetz verstoßen. Dabei sollen sie jedoch fair behandelt werden. Nachdem ein Verbrechen von der Staatsanwaltschaft und der Polizei nachgewiesen wurde, kommt der Beschuldigte vor Gericht.
Der Beitrag war schön gemacht, es kamen mehrere Kinder und ein Rechtsanwalt zu Wort, die Prozesse, Strafe und Verteidigung erklärten. Also alles gut – hätten da nicht NUR NUR NUR Männer im Gericht agiert. Es wird vom Rechtsanwalt, vom Staatsanwalt, vom Richter und sogar vom Protokollführer gesprochen. Die Gerichtsverhandlung wird von einem Schauspieler (Stefan Kaminski) nachgespielt: der Angeklagte, der Verteidiger, der Staatsanwalt, der Richter und ein Zeuge. Hier der Podcast.
Die Moderatorin Ulrike Jährling sagte zum Ende des Beitrags „Das war ein ganz und gar gerechter Entdeckertag heute“ – nur, geschlechtergerecht war er nicht, und der Realität im Deutschen Justizwesen entspricht es auch nicht, denn die ist keine reine Männerwelt.
Dazu ein paar Fakten: Rechtswisenschaften sind bei weiblichen Studierenden das viertbeliebteste Studienfach, bei männlichen das fünftbeliebteste.  Der Anteil der Studienanfängerinnen wuchs in den letzten Jahren von 49 auf 57 Prozent.
Seit 2009 ist die Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) zum zweiten Mal Bundesjustizministerin.
Letzten Monat erschien im SZ-Magazin (Heft 40/2013 vom 7.10.) der Artikel „Die neue Rechtsordnung“ von Annette Ramelsberger, in dem es u.a. heißt „Über Jahrhunderte war die Justiz fest in der Hand der Männer. Jetzt übernehmen dort Frauen die Spitzenpositionen – und verändern das System gründlich. (…) Heute werden mehr Richterinnen als Richter angestellt, und mehr Staatsanwältinnen als Staatsanwälte. In der Strafverfolgung sind die Frauen bereits in der Mehrheit.“ Zwar gibt es immer noch eine Mehrheit an Richtern,  aber in der Altersgruppe unter 40 stellen die Richterinnen die Mehrheit. „Nur eine Konstante ist geblieben: Die Angeklagten sind zu 90 Prozent Männer.“
Angesichts dieser Realität ist es mehr als bedauerlich, wenn in einer Kindersendung die Justiz als reine Männerwelt dargestellt wird. Welches Mädchen, das das Kakadu-Feature hörte, wird hinterher gedacht haben „Au ja, ich werd‘ Staatsanwältin!“?

P.S.: Eine Anmerkung zum Titel, einem Zitat aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell (1804) Dritter Aufzug, Erste Szene
Hof vor Tells Hause. WILHELM TELL ist mit der Zimmeraxt, HEDWIG TELL mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt. Die Söhne WILHELM und WALTHER spielen mit einer kleinen Armbrust.

HEDWIG:  Die Knaben fangen zeitig an zu schiessen.
TELL:   Früh übt sich, was ein Meister werden will.
HEDWIG:   Ach wollte Gott, sie lernten’s nie!

Hedwig spricht vom Waffengebrauch, aber das Zitat lässt sich sicher auch in die saure Gürkchen-Welt der heutigen Medienlandschaft übertragen.

English Version

„‚Tis early practice only makes the master.“ Discussing possible effects a strong gender imbalance in film and television may have on a young audience (thoughts from London, Los Angeles and Berlin), the Saure Gurke / Pickled Cucumber Award and female lawyers.

How do readers find their way to SchspIN? Well, some come directly or via link on another website or because they follow the blog (top right: there’s a link Blog abonnieren / Follow Blog via Email), and some are directed here by search engines.
The other day a reader googled „Happy birthday Bilder für Männer“ (happy birthday pictures for men) and  another „junge fraulein und elder man“ (young fraeulein and elder man)  – so much for search engines🙂 . Quite regularly people search for Sesamstraße (the German version of Sesame Street) or protagonists from that show and are directed to this article: Die Sesamstraße wird 40 – Happy Birthday! which I wrote a few months ago on the occasion of the 40th birthday of the Sesamstraße about the immense male majority among characters, puppets and monsters on the show. Does growing up with children’s programmes without or with hardly any female characters result in the audience (and especially those ending up in decision-making positions) not noticing the immense female minority of women in fictional and non-fictional TV as adults?

For other impacts this imbalance may have, read the article „If she can’t see it, she can’t be it: why media representation matters“ (Guardian, Nov. 12) by London-based freelance filmmaker and creative communications professional Rebecca Brand.

Rebecca Brand (Foto: Daniella Cesarei)

Rebecca Brand (Foto: Daniella Cesarei)

She argues: Whether we like to admit it or not, the characters who inhabit our screen stories – who we fall in love with, laugh with, cry with, and grow older with – have an impact on our lives. They help to shape who we are, who we aspire to be, and how we view the world around us. That’s why representation in mainstream media matters. (…) What message are we giving those impressionable minds about women? And how might we be cutting the ambitions of little girls short before they’ve even had the chance to develop properly?
If girls grow up, watching a clear male majority on TV as the norm – and at the same time being surrounded by a pink princess monoculture created by the toy and sweets industry, how can they ever start to dream of becoming a pirate, a secret agent, a farmer, a nuclear physisist, a car race driver or an inventer? And how can boys image girls to be capable of more than dressing in pink and being rescued?
Rebecca Brand is currently working on a documentary on the „audacious and provocative protest against the world’s attempts to sexualise and commodify childhood, by award-winning performance artist Bryony Kimmings and her nine-year-old niece Taylor.“ The title of the project is „Credible Likeable Superstar Role Model“ and it is curently still in the financing phase.

In the USA, the Geena Davis Institute on Gender in Media, founded by actress Geena Davis in 2004, is also concerned about the appaling imbalance in gender representation. „The Institute is uniquely positioned to spotlight gender inequalities at every media and entertainment company through cutting-edge research, education, training, strategic guidance and advocacy programs.“ A study of about 400 G, PG, PG-13, and R-Rated movies showed a ratio of 3 males to 1 female part. With its initiatives the institute aims at changing female portrayals and gender stereotypes in children’s media and entertainment.

Similar topics were also discussed at the 36th autumn meeting of media women from ARD and ZDF (the two main German public TV channels), ORF (Austrian public broadcaster) and Swiss broadcasting corporation, who met in early november in Berlin, as guests of their female colleagues at RBB (public service TV and radio Berlin Brandenburg) and Deutschlandradio (German Radio, a public broadcaster). „What is the role women play in public service stations? How are we women shown? What has changed for the better in the last years?“
And like every year, they awared the Saure Gurke (pickled cucumber), a negative prize for TV programmes:

  • that don’t include women
  • that define women by their bodies
  • that force overidealizing rolemodels upon the audience

And the winner in 2013 is: „Kalter Engel“ (Cold Angel), the latest Tatort from Erfurt (Tatort / Crime Scene is the most successful fictional programme on German TV, approximately 40 new 90 min. films every year, taking place in a number of towns – this one in Erfurt). The Jury justified their decision by saying „Here we encounter female characters that we have come to know and love in 40 years of Tatort: the saint, the whore, the dictatoral boss and a murder victim that is to blame for her death. Even a Tatort of today can belong very much to the past!“

Now let’s just imagine there was also a junior award – let’s call it the Gherkin – for programmes for children that comply with the award’s standards. Well, then I would suggest giving it to an episode from Deutschlandradio Kultur’s daily children’s programme Kakadu (cockatoo): Arrested by the Police – then what happens? from Nov 2, 2013 (author: Corinna Thaon, contributing editor: Claudia König-Suckel).

Ein Cornichon für den Kakadu? - A Gherkin for the Cockatoo?

Ein Cornichon für den Kakadu? – A Gherkin for the Cockatoo?

So what was that about?
Charlie is caught by the police while commiting his 15th burglary. But what happens to a culprit after that? Under our rule of law people that breach the law are punished. But they have to be treated in a fair way. After the committing of a crime has been proofen by the prosecution and the police, the accused goes on trial.
It was a very well done programme, some children and a lawyer explained terms like trial, punishment and defence from their points of view and a trial was reenacted. So far so good – were it not for the fact that there were ONLY ONLY ONLY men appearing in the trial. A male lawyer, a male prosecutor, a mal judge and even a male clerk are mentioned. The trial is reenacted by an actor (Stefan Kaminski) who speaks all the parts: the accused, the solicitor, the procecutor, the lawyer and a witness.
The host of the show – Ulrike Jährling – said at the end: „now this was a just and fair discovery day today“, but it wasn’t really just and fair genderwise, and it is not in the least depicting the reality of the German judical system, which is not a „men only“ world.

Just some facts to underline this: Law is the 4th favourite subject among female students in Germany, and the 5th favourite among the males. The share of women among the students starting to study it has risen from 49 to 57 %  in the last years.
Since 2009 the German Federal Minister of Justice has been Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP – Liberal Party).
Last month an article by Annette Ramelsberger was published in the magazine of the Süddeutsche Zeitung (Issue 40/2013, Oct. 7), titled Die neue Rechtsordnung / „The new legal order“, in which she wrote „For centuries the Justice was firmly in the hands of men. Now women are moving to the top and they are changing the system thoroughly. Today more female than male judges are newly employed,as well as more female than male prosecutors. In the prosecution women hold the majority already.“ There is still a majority of male judges, but there’s a female majority already among the under 40s. „Only one number has not changed: 90 % of the accused are men.“

In the light of these facts it is quite sad to have a radio programme for children that portrays the whole law world as a man’s world. How many girls listening to the Kakadu episode will have thought: „Yes, right! I want to be a prosecutor when I grow up!“?

P.S.: A short comment on today’s title which of course is a quote from Wilhelm Tell / -William Tell by Friedrich Schiller (1804). From Act III Scene 1 (Translated by Theodore Martin)

Court before TELL’S house. TELL with an axe. HEDWIG engaged in her domestic duties. The children WALTER and WILHELM in the background playing with a little cross-bow.

HEDWIG.   The boys begin to use the bow betimes.
TELL.   ‚Tis early practice only makes the master.
HEDWIG.   Ah! Would to heaven they never learnt the art!

Hedwig is talking of the art of weaponry, but this quote can probably be easily transferred to today’s media and gherkin-situations.

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