SchspIN

Gedanken einer Schauspielerin – An Actress's Thoughts

Das Besetzungstool Neropa – A Casting Tool called Neropa

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English Version follows German.

Neropa – NEutrale ROllen PArität: Ein Weg zu mehr Rollenvielfalt

Das Beste an einem Film ist sich mit den Figuren identifizieren zu können.“
Geena Davis, US-amerikanische Schauspielerin. GDIGM.

„Ich glaube NEROPA würde ein hervorragendes Hilfsinstrument für die Verbesserung der Geschlechterverteilung bei Film- und Fernsehbesetzungen sein.
Es hat das Potenzial, besonders auch die Chancen für ältere Schauspielerinnen zu verbessern, deren Karrieren sich wenn sie älter werden aufgrund des zurückgehenden Rollenangebots ausnahmslos verschlechtern.“
Jean Rogers, britische Schauspielerin. Equity UK, TUC, FIA.

Neropa_Logo

  • TV Frauen- und Männerrollen, Quantität und Alter
  • Ein Zwischenfazit
  • Ein Cartoon von Tom Gauld
  • Mein Vorschlag: Neropa – Neutralerollenparität
  • Neropa – die Arbeitsschritte
  • Neropa – Beispiele
  • Einschätzung – Jean Rogers

TV: Frauen- und Männerrollen, Quantität und Alter

Nachdem ich Ende 2015 zwei Filmreihen über mehrere Jahre hinweg untersucht hatte (die ARD Mittwochsfilme 2011 – 14 und die ARD Tatorte 2011 – 15) geht es heute um sechs ARD- bzw. ZDF 20.15 Uhr Sendeplätze und die dort erstaufgeführten 208 90-minütigen Fernsehfilme aus dem Jahr 2015: 39 ZDF Fernsehfilme der Woche (Montags) mit durchschnittlich 11,5 Rollen, 33 Filme vom ARD FilmMittwoch (8,9), 31 ARD Freitagsfilme (13,1), 33 ZDF Samstagskrimis (12,9), sowie 40 neue ARD Tatorte (12,5) und 32 ZDF Hezkinofilme (10,5) vom Sonntagabend (Quelle: Die Webseiten der Sender). Im Hauptcast aller 6 Reihen gibt es insgesamt 1001 Frauen– und 1409 Männerrollen, was natürlich nur ein Teil der Gesamtcasts ist.
Jede Filmgruppe einzeln betrachtet hatte mehr bis deutlich mehr Männer– als Frauenrollen im Hauptcast (Abbildung 1). Fast ausgeglichen war die Bilanz lediglich in der Herzkinoreihe, da ist das Rollenverhältnis 48,7 % zu 51,3 %.
Die zweite und dritte Abbildung stellen die männerlastigen und frauenlastigen Filme in den sechs Gruppen dar, damit sind die Filme gemeint, die mindestens doppelt so viele Rollen des einen Geschlechts im Hauptcast haben. Auch hier dominieren die Männer: Mehr als ein Viertel (56) der 208 Filme hatten mindestens doppelt so viele Männer- wie Frauenrollen im Hauptcast, davon 18 zwischen drei und sechsmal so viele. An der Spitze stehen DIE SEELEN IM FEUER (ZDF, 1 F11 M) und NACKT UNTER WÖLFEN (0 F 15 M).

Andererseits gibt es aber nur 4 Filme, die ein 2- bis 3-faches Frauenübergewicht hatten. Darunter findet sich übrigens kein Herzkinofilm, es scheint also möglich zu sein, ein Geschlecht schwerpunktmäßig ins Zentrum zu stellen ohne das andere Geschlecht außen vor zu lassen, – im Gegenteil, für diesen Sendeplatz weist die Analyse 5 männerlastige Filme auf.

Selbstverständlich spricht nichts gegen Filme, die Geschichten mit einem großen Männerrollenübergewicht erzählen oder gegen Filme, die nur von Männern handeln. Nur, wo bleibt der Ausgleich?
1000 Frauen– gegenüber 1400 Männerrollen sind alarmierend. Und das sind nur die Hauptcasts, dazu kommen noch die kleinen, nicht im Abspann genannten Rollen, die – oft namenlos – häufig als Männer im Drehbuch stehen (Busfahrer, Nachbar, Gerichtsvollzieher usw). Und es wurden außerdem nur 6 Filmgruppen untersucht, es gibt ja noch weitere Sendeplätze für Fernsehfilme und andere fiktionale Formate. Wenn wir also die kompletten Casts betrachten und das gesamte Programm von ARD und ZDF – inklusive der zahllosen (Krimi-)Wiederholungen, auch auf den Dritten Programmen und den ZDF-Nebenkanälen – dann können wir davon ausgehen, dass jedes Jahr ein Übergewicht von mehreren Tausend fiktionalen Männerfiguren in deutschen Produktionen über das öffentlich-rechtliche Fernsehen in die heimischen Wohnzimmer gesendet wird.
Als eine weitere – statistisch belegbare – Bevorzugung von Männern ist die Altersdiskriminierung von Frauen zu sehen. Die nächsten Grafiken zeigen die Altersverteilung der im Hauptcast besetzten Schauspielerinnen und Schauspieler für die erstausgestrahlten ARD Tatorte 2013, die ZDF Fernsehfilme der Woche 2013 und die ARD Mittwochsfilme 2014. Bei allen drei Filmgruppen ist auffällig, wieviel jünger die Schauspielerinnen sind und dass ihre Alterskurve 10 bis 15 Jahre früher als die der Schauspieler ihren Peak erreicht hat. Zum Vergleich: in Deutschland lebten am 31.12.2014 insgesamt 41,4 Mio. Frauen und 39,8 Männer. Die stärksten Gruppen sind die 46 bis 50- und die 51 bis 55-Jährigen, bei beiden Geschlechtern.

In diesen Zusammenhang passt eine Meldung der letzten Woche, als die Nominierungen für den Preis der Deutschen Filmkritik veröffentlicht wurden. In der Kategorie Beste Darstellerin waren 4 der 5 Nominierten unter 36 Jahre alt, in der Kategorie Bester Darsteller hingegen 4 der 5 Nominierten 36 Jahre oder älter. Gab es keine auszeichnungswürdigen Leistungen älterer Frauen oder fehlten schlicht die tragenden Rollen, oder waren die jüngeren Rollen attraktiver oder bemerkenswerter? Ein Thema für einen anderen Tag. Jetzt nur so viel: es fällt aber schon auf, dass es nie die umgekehrte Situation gibt, oder?

Ein Zwischenfazit

Es ist nicht Aufgabe des Fernsehens, mit Besetzungslisten oder Filmstoffen ein 1 zu 1-Abbild der Bevölkerung zu liefern. Allerdings, wenn die Hälfte der Bevölkerung immer wieder wesentlich weniger und jünger vorkommt als die andere Hälfte ist das auch nicht mit dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vereinbar. Wenn Frauen seltener vorkommen bedeutet das weniger potenzielle Identifikations­figuren, weniger berufliche Vielfalt bedeutet weniger Vorbilder und Anregungen für Mädchen und junge Frauen, und die Geschichten sind schlicht einseitig und ärmer (ich nenne das Männer reden, Frauen hören zu – Männer agieren, Frauen sehen schön aus). Auch im 21. Jahrhundert verbreitet das Fernsehen eine ungünstige künstliche Realität, nicht nur durch die fiktionalen Formate, auch Talkshows mit ihren Panels, Dokumentarfilme und die Sportberichterstattung zeigen eine ähnliche bis teilweise noch stärkere Männerzentriertheit.
Natürlich könnte man jetzt jede Menge umfangreicher Studien in Auftrag geben, deren Bearbeitung Monate und Jahre dauert. Aber zum einen finde ich, dass es Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Sender sein sollte, Daten und statistische Auswertungen bereitzustellen (bzw. zumindest zu finanzieren), und außerdem ist es auch ohne Studien bereits offensichtlich, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Bezug auf die Geschlechterverteilung in den fiktionalen Formaten kritikwürdig ist. Über fiktionale Inhalte und Geschlechterstereotype zu sprechen und forschen macht unbedingt Sinn, aber bevor wieder neue Studien in Auftrag gegeben werden, und mehr noch, bevor sie abgeschlossen und ausgewertet sind, gibt es etwas anderes, das schon unternommen werden kann. Und das möchte ich heute vorschlagen.

Ein Cartoon von Tom Gauld

Der brilliante britische Comiczeichner Tom Gauld hat in der folgenden Zeichnung, die ich mit seiner freundlichen Genehmigung abdrucken darf (thank you very much, Tom!), nicht nur indirekt die wenigeren Frauenfiguren thematisiert, sondern auch das Gestrichenwerden kleiner Rollen in Romanen, was sich auch auf Drehbücher übertragen lässt:

TomGauld_NovelHut: Hallo Brian!
Glatze: Ich bin nicht mehr Brian, in dieser Fassung bin ich Ben. Ich war eine Zeitlang Susan, aber lass uns nicht darüber sprechen.
Hut: Ich bin immer noch Keith, aber er tauscht die ganze Zeit meine Frau aus. Das ist sehr verwirrend.
Glatze: Jo.
Hut: Aber uns geht es ja noch gut, hast Du gehört, was mit Muriel passiert ist?
Glatze: Nein.
Hut: Komplett gestrichen! Und ihren ganzen guten Text hat jetzt der Barkeeper in Kapitel 2 bekommen.
Glatze: Wie schrecklich!

Das Blog SchspIN ist jetzt drei Jahre alt. Meine Untersuchungen machen viel bis sehr viel Arbeit und sind nicht wirklich lustig, da eigentlich nie etwas Erfreuliches dabei rauskommt. Das gilt für Analysen der Gewerke hinter der Kamera, und genauso – wie heute – für die Situation vor der Kamera. Ich habe oft genug aufgezeigt, dass und wie Frauenfiguren im deutschen Film und Fernsehen benachteiligt sind: sie kommen wesentlich seltener vor, sie werden nicht so alt und sie handeln weniger. Jetzt wird es Zeit, etwas zu verändern. Um mit Tom Gaulds Cartoon zu sprechen: Lasst uns aus Brian wieder eine Susan machen! Und deshalb habe ich einen Vorschlag. Ich habe eine Methode, ein Castingtool erdacht, das effektiv sein kann und gleichzeitig leicht zu verstehen und leicht anzuwenden ist, wenn man es denn will (aber warum sollte man das nicht wollen?).

Mein Vorschlag: Neropa

Zweck und Ziel von Neropa (der Name ist ein Akronym für NEutrale ROllen PArität) ist, die Repräsentanz von Frauenrollen im fiktionalen Fernsehen zu erhöhen, – schnell, unkompliziert, ohne großen Aufwand und ohne grundsätzliche Veränderung der Plots – denn dann kann direkt damit angefangen werden.
Das Ergebnis kann zu ungewohnten Seherfahrungen führen („Nanu, seit neuestem gibt es ja ständig so viele Frauen in den Filmen!“), es kann spannende oder zumindest interessante Auswirkungen auf die Dynamik zwischen Figuren haben, und vor allem liefert es dem gesamten Publikum ein wesentlich vielschichtigeres Frauenbild als es einzelne Protagonistinnen in einem männerlastigen Cast vermögen. Frauen werden neue, normale Berufe haben bzw. über eine Tätigkeit definiert (Professorin, Hausmeisterin, die wartende Frau an der Bushaltestelle) und nicht mehr nur über ihre Beziehung zu einer anderen Figur (Ehefrau, Mutter, Geliebte, Tochter).

Neropa – die Arbeitsschritte

Der erste und entscheidende Schritt ist zu beschließen, in einer Produktion Neropa anzuwenden. Danach geht es folgendermaßen weiter:

  1. Die Verantwortlichkeit für die Durchführung von Neropa wird einem Team übertragen, bestehend z.B. aus Caster/in, Regisseur/in, Produzent/in und Redakteur/in.
  2. Vor dem ersten Teamtreffen überprüft jede/r für sich die Rollenliste des Films, und markiert, welche Rollen im Drehbuch männlich und welche weiblich sind – ohne etwas zu ändern, d.h. Journalist 1 ist männlich (denn er heißt nicht Journalistin 1), ebenso ist Dr. Meier, Biologe.
  3. Im zweiten Schritt werden alle Rollen, die jedes Geschlecht haben könnten, als neutral gekennzeichnet. Egal wie groß oder klein diese Rollen sind. Auch das machen alle aus dem Team einzeln für sich.
  4. Das erste Teamtreffen: Die Verantwortlichen vergleichen ihre jeweiligen Listen und einigen sich auf die Neutralen Figuren.
  5. Diese werden nun im Wechsel als Frauen bzw. Männer festgelegt, begonnen wird mit einer weiblichen Figur.
  6. Fertig! Die endgültige Rollenliste steht, die Besetzungsarbeit kann beginnen.

Neropa – Beispiele

Dies ist die fiktive Besetzungsliste mit 5 Frauen- und 23 Männerrollen. Ich habe sie in zwei Spalten gesetzt, da die meisten vermutlich diesen Text auf Bildschirme im Querformat lesen:

Bsp_NeropaEs geht weiter mit den nächsten drei Abbildungen: Die linke und die mittlere Liste zeigen die Vorarbeit (Arbeitsschritte 2 und 3), und die rechte Liste das Ergebnis (5 und 6) der Teameinigung (4): die beiden Spalten geben die endgültigen Rollengender wieder. In der Liste sind weibliche Rollen hellblau und männliche rosa gekennzeichnet, die neutralen Rollen hellgrün. Dunkelgrün sind größere Rollen, für die ein Rollentausch vorgeschlagen wird.

Auf der mittleren Liste sind hellgrün die neutralen Rollen gekennzeichnet. Im unteren Bereich gibt es zwei rosa / männliche: im (fiktiven) Drehbuch kommt Lehrer 2 in einer Szene vor, die im Waschraum einer Herrentoilette spielt und wo er Studienrat Wolfgang Brauer begegnet (Dialog: Lehrer 2 – Du siehst aber fertig aus! Brauer – Ja, ich komme gerade aus der 9b). Und Politologe 1 will in einer anderen Szene Martin Beck für eine Gruppe alleinerziehender Väter gewinnen. Von den 3 Vorschlägen bei den Hauptrollen ist einer ungültig: Carola Bluhm – bei Neropa werden nicht aus weiblichen Rollen neutrale gemacht, da es dem Zweck der Methode widerspricht. Ein Vorschlag wurde von der Gruppe angenommen – aus Thomas Birk, Politologe wird Tina Birk, Politologin. Am Ende des Neropa-Prozesses hat das Drehbuch statt 5 weiblichen und 23 männlichen Rollen jetzt 11 weibliche und 17 männliche.
Wohlgemerkt, das ändert noch nicht den Inhalt und die Dialoge der Geschichte auch sind die 3 Hauptfiguren  weiter Männer. Aber es kommen mehr Frauen in der Geschichte vor, auch in bemerkenswerten Berufen  (Elektromechanikerin, Archäologin).

Diese Methode kann auch angewandt werden, wenn zu Beginn der Besetzung die Hauptrollen bereits feststehen. Sie macht auch Sinn, wenn nur 4 oder 5 ,neutrale Rollen’ ermittelt werden, die vorher Männer waren.
Bei Neropa, bei der Ausweisung der ,neutralen’ Rollen geht es um das Durchbrechen geschlossener Systeme, um die Schaffung von mehr Frauenfiguren, denn diese sind seit Jahren und vermutlich Jahrzehnten unterrepräsentiert. Deshalb können im Drehbuch bereits vorhandene Frauenrollen nicht als ,neutral’ gekennzeichnet werden.
Der Neropa-Check spart viel Zeit, denn wenn die Verantwortlichen sich auf die neutralen Rollen geeinigt haben gibt es keine weiteren Diskussionen. Es steht nun fest, dass jede Rolle sowohl weiblich als auch männlich besetzt werden kann, und das sture FM FM – Prinzip wird angewendet, – was auch gleichzeitig bedeutet, dass bei einer ungerade Zahl neutraler Rollen (ob 3 oder 13) auf jeden Fall mehr weibliche Rollen geschaffen werden.
Je mehr Produktionen mitmachen, umso deutlicher wird sich das Fernsehbild ändern. Frauen werden vielseitiger vorkommen, sie werden häufiger einen Beruf haben und der prozentuale Anteil von Nur-Ehefrauen / Nur-Müttern, von halbbekleideten Mädchen und Frauen, von Prostituierten und Gewaltopfern wird zurückgehen. Vermutlich werden die Frauen auf dem Bildschirm auch älter.
Natürlich gibt es auch namenlose Funktions-Rollen, die ein bestimmtes Geschlecht haben müssen, z.B. die Bettnachbarin auf der Wöchnerinnenstation, die Teilnehmer einer Bischofskonferenz oder beim Männergebet in einer Moschee, der Kabinennachbar in einer Samenbank, die beste Freundin, der Trauzeuge, den der Bräutigam schon seit Jungeninternatstagen kennt, Junggesellen-/Junggesellinnenabschied, die übrigen Teilnehmer*innen an einem Männer- oder Frauen-Sportwettbewerb…. Aber wenn Neropa erst einmal ernsthaft und offen angewendet wird lässt sich bestimmt feststellen, dass es wesentlich mehr Rollen gibt, die genauso gut eine Frau sein könnten, als dies bisher bei Drehbuchbesprechungen thematisiert wurde. Es ist vermutlich meist auf die Initiative einer Casterin oder eines Casters zurückzuführen, wenn der berühmte Taxifahrer zu einer Taxifahrerin umgeschrieben wird.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine Aussage von David Bowie wiederholen, die ich bereits vor einem guten Jahr in meinem Blog zitiert habe:

Allgemein gesagt finde ich es extrem anstößig mitzubekommen, wenn Frauen wie Besitz oder Anhängsel behandelt werden. Ich kann mir keine Situation vorstellen die eine Frau nicht genauso gut oder sogar besser bewältigen könnte als ein Mann. Na gut, vielleicht wäre eine Situation in der nur grobe Kraft erforderlich ist, die Ausnahme, aber da gilt dann auch wieder, dass eine Frau klug genug ist, für diese Sache die richtige Person zu organisieren, die in diesem Einzelfall dann eben vermutlich ein Mann wäre.“

Also erst einmal davon ausgehen, dass auch Frauen beispielsweise einen bestimmten Beruf, der im Drehbuch genannt ist, ausüben, – notfalls hilft eine kurze Internetrecherche.
Nach den kleinen Rollen kann später oder gleichzeitig auch über die größeren gesprochen werden. Es gibt seit vielen Jahrzehnten Vorbilder für Genderswitchen von großen Neben- und Hauptrollen (siehe auch Berliner Theatertreffen 2015. Und Rollentausch). An dieser Stelle zwei potenzielle Beispiele der Gegenwart:

  1. der Wiesbaden-Tatort WER BIN ICH? mit Ulrich Tukur vom 27.12.2015, in dessen Vorspann 9 Männer und 2 Frauen genannt wurden. Hier war das Geschlecht vieler Hauptrollen vorgegeben, da es reale Personen bzw. etablierte Krimifiguren waren. Aber was hätte eigentlich dagegen gesprochen, die beiden Polizisten Kugler und Kern zu Polizistinnen zu machen? Es hätte auch dramaturgisch reizvoll sein können, den drei Kommissar-Buddies zwei Ermittlerinnen gegenüberzustellen.
  1. Die Serie WEISSENSEE. Mit welchen Figuren hätte sich Geena Davis da identifizieren können? Im Zentrum stehen zwei Brüder und deren Vater, ihre Kolleg*innen sind Männer. Drei der wichtigeren Frauen waren Alkoholikerinnen (Dunja, Vera und Nicole), die kränkelnde Mutter Marlene ist meist still im Hintergrund und Underdog Julia lange im Knast bevor sie jung stirbt. Erst in der letzten Staffel kam eine stärkere, autonome Frauenfigur dazu, die westdeutsche Lisa. Wie hätte die Serie ausgesehen, wenn es nicht um zwei Brüder sondern um Bruder und Schwester gegangen wäre? Und / oder wenn deren Mutter Marlene eine anfangs überzeugte ranghohe Stasimitarbeiterin gewesen wäre, und nicht der Vater?

Sollte die Anwendung von Neropa dazu führen, dass der gesamte Film auf einmal mehr weibliche als männliche Rollen hat, gut! Es wird so oder so erst einmal weiter mehr männerlastige Filme mit einem Männerübergewicht geben (nur vielleicht nicht mehr ganz so stark).
Eine Auseinandersetzung mit dem Rollenungleichgewicht könnte auch in Drehbuchklassen der Filmhochschulen stattfinden, ebenso kann Neropa unmittelbar nach Abschluss eines Buches angewendet werden, sinnvollerweise in einem Team aus mehreren Leuten.
Denkbar wäre auch, dass Drehbuchsoftware einen statistischen Gendercheck für Rollen enthält, große Ungleichgewichte sind vielleicht auch Nachlässigkeit und keine bewusste Entscheidung? (wäre z.B. ein gutes Feature für das tolle Programm DramaQueen!).

Einschätzung – Jean Rogers

„Ich glaube NEROPA würde ein hervorragendes Hilfsinstrument für die Verbesserung der Geschlechterverteilung bei Film- und Fernsehbesetzungen sein. Es hat das Potenzial, besonders auch die Chancen für ältere Schauspielerinnen zu verbessern, deren Karrieren sich wenn sie älter werden aufgrund des zurückgehenden Rollenangebots ausnahmslos verschlechtern.
Im Vereinigten Königreich treten seit vielen Jahren Schauspielerinnen wie Emma Thompson für ein “gender blind casting“ ein, aber die Situation verbessert sich nur sehr langsam. Allerdings, wenn wir Produzent*innen und Sender überreden können, diesen guten methodischen Vorschlag als Norm anzuwenden, dann bin ich überzeugt, dass wir eine spannende Verbesserung beobachten werden. Viel Glück, SchspIN!“
Jean Rogers, Schauspielerin.

Jean ist seit über 20 Jahren gewähltes Ratsmitglied von EQUITY UK; 2004-2014 war sie Vizepräsidentin. Aktuell ist sie Mitglied im Equity und im TUC Women’s Committee und der Gender Equality Steering Group der Internationalen Schauspielföderation FIA.

lklkj.

English Version

Neropa – NEutral ROles PArity: A Method for more Genderbalanced Casts

„The best part of a movie is being able to identify with the characters.“
Geena Davis, US American actress. GDIGM. 

„I believe NEROPA would be an excellent tool to aid improvement in gender balance in film and television casting.  It has the potential to improve particularly the opportunities for older actresses whose CV’s invariably deteriorate as they age through lack of sufficient roles.“
Jean Rogers, British Actress. Equity UK, TUC, FIA

Neropa_Logo

  • Female and Male Roles, Quantity and Age
  • Interim Conclusions
  • A Cartoon by Tom Gauld
  • Suggesting Neropa – Neutral Roles Parity
  • Neropa – Procedure
  • Neropa – Examples
  • Statement – Jean Rogers

Female and Male Roles, Quantity and Age

At the end of last year I published my cast analysis of two sets of TV movies over the past years (Germany’s Top Cop Drama and Wednesday TV Films). I will start today’s article with a look at 6 TV movie evenings on the two major public broadcasters ARD and ZDF in 2015. There were 1001 female and 1409 male roles in the main casts.
Each of the six groups has a clear or even very strong male roles majority (see figure 1). Only the casts for the so-called Herzkino (= heart cinema) films on Friday on ZDF are nearly evenly balanced, we see a ratio of 48,7 % to 51,3 %.
The second and third figure show male and female biased films within the six groups, these are films that have a main cast with at least a twofold majority of one sex. In this analysis again it is the men that dominate. More than a quarter (56) of the 208 films have at least twice as many male over female roles in the main cast, 18 have between three and six times as many. At the top we find two films: DIE SEELEN IM FEUER (ZDF, 1 F11 M) and NACKT UNTER WÖLFEN (0 F15 M). On the other hand there were only four films with two to three times more female characters. Interestingly enough no Herzkino film is represented here – apparently it does seem possible to focus a plot on one gender without neglecting the other. Quite the contrary actually, for the Herzkino films I even found five films which were male biased.

Of course there is nothing wrong with films that tell their story with a large male majority in the cast, or even film that only focus on men. But how is this balanced?
1000 female characters opposed to 1400 males are an alarming situation. And remember, this is only looking at the main casts. On top of that there are smaller roles that don’t appear in the end titles of a film, which due to the nature of the German language often appear as men in the scripts. (Busfahrer = male bus driver, Nachbar = male neighbour, Gerichtsvollzieher = male bailiff). And also of course I only evaluated six groups of films, there are more slots on Geman public television for movies, and then there are the fictional TV series. So if we look at the complete casts and do this for the whole programme of ARD and ZDF, and also include the repeats – then we must assume that every year a predominance of thousands of male characters is transmitted via public TV to the households in our country.
Another – statistically provable – characteristic for preference of men can be found in age discrimination of women. The next diagrams show the age distribution for the main casts of the 2013 ARD Tatorte (crime drama), the ZDF TV Movies of the Week 2013 and the ARD Wednesday Films 2014. The three film groups distinctly show how much younger the actresses are and that the peak of their age curves is reached 10 to 15 years earlier than the men’s. For comparision: the population in Germany as of Dec. 31, 2014 was 41,4 mio. women and 39,8 mio. men. The strongest age groups for both sexes are the 46 to 50- and the 51 to 55 year-olds:

Interim Conclusions

It is not the duty of TV to show a 100 % copy of real life in their cast lists and plots. But when half the population is always less present and younger on screen than the other half then I don’t think this is in compliance with the mandate of public television. If we see less women it means that there are less potential characters to identify with, less professional diversity of females on screen is equal to less role models and less job suggestions for girls and young women, and the stories will simply be more plain and poorer (I call this men talk and women listen – men act and women look nice). It is the 21st century and still TV is spreading this unfavourable artificial reality, not only through their fictional shows of course, we see talkshows with strong male biased panels, documentaries focussing on far far more men than women and sport coverage predominantly of men’s events.
Of course we can now call for extensive studies, but on the one hand I think that it should be up to public television to supply data and evaluations (or at least finance them). And also, even without them it has become evident already that criticizing public television stations for their gender imbalance is justified. Discussions and studies on fictional plots and gender stereotypes do make sense, but before they go underway, let alone are finished there is something else that can be done. And for this I will introduce my latest idea today.

A Cartoon by Tom Gauld

The lovely Tom Gauld has given me permission to use one of his drawings today (thanks a lot, Tom!). His cartoon indirectly touches the issue of fewer and female characters and that of cancelling smaller parts in novels, which is something also not uncommon in film scripts.

TomGauld_NovelI started my blog SchspIN three years ago. My research is a lot or a really big lot of work and mostly not much fun, since the results are hardly ever pleasant. This applies to analysis of film divisions behind the camera as well as to the situation in front of it, like today. I have shown over and over again that female characters are at a disadvantage in German film and TV productions, they appear lesse often, they are not as old and the act less. Now is the time to change something. Or in the context of Tom Gauld’s cartoon: Let’s change Brian into a Susan again! And therefore I would like to suggest something: I have come up with a method, a casting tool that can be effective and is at the same time easy to understand and easy to appy if you want it (and why shouldn’t you?).

Suggesting Neropa – Neutral Roles Parity

The aim of Neropa (an acronym for NEutral ROles PArity) is to raise the representation of women in fictional TV shows – fast, in an uncomplicated way, without big effort and with no fundamental changes to the plot – because that way it can start right away.
As a result it can lead to new and unusual perceptions (“what’s this? All of a sudden there’s so many women in the films!“), it can have an exciting or at least interesting effect on the dynamics between characters, and most of all it will provide the audience with much more complex images of women than individual female leads could achieve in a male-biased cast. Women will have new, normal professions and be more defined by activities (female professor, female janitor, the woman waiting at a bus stop) rather than being defined solely by their relationship to other characters (wife, mother, lover, daughter).

Neropa – Procedure

In the beginning, and this is the most important part, there is an agreement to go Neropa with the production, i.e. to apply the Neropa check and its consequences. This is what happens after that:

  1. A team, possibly consisting of the project’s casting director, director, producer and commissioning editor, is assigned responsibility for Neropa.
  2. Before the first team meeting each member will check the cast list of the film project and mark all roles in it according to their gender, without changing anything, no matter how high the possible imbalance.*
  3. Then all roles that could be either sex are identified as ‚neutral’, no matter if they are big or small. This is also something that everybody does on their own.
  4. Time for the first team meeting: the people in charge will compare their lists, negotiate and agree on the neutral characters.
  5. Now the neutral characters are defined as female and male alternatively, starting with female.
  6. That’s it! Now they have the final role list and the casting process can start.

* I already mentioned that in the German language unspecific job terms are usually male terms in reality, therefore undefined roles will most probably be regarded as male (doctor, tramp, busdriver). But as I was told there is a tendency in English to regard undefined job terms to be male if they are higher qualified. So professor, top executive, judge, computer scientist possibly have a male ring to the unconsciously listening person. Also I was told that in the UK anything referring to food, nursing, beauty and teaching would generally appear more female, but the moment the word expert is added – nutrition expert – it might be tipped more towards male. Possibly in a script more non-defined characters would be written as males. So in step 2 the Neropa people of course refer to the script to see if there is a ‚he shuts the door’ or ‚she opens the conference’ instruction to help. In step 2 all characters obviously will get a female or male label.

Neropa – Examples

To help understand the process of Neropa better let’s act it through with this fictional, non-existent cast list. In the worst case it will have 5 female and 23 male characters:

Expl_NeropaThe Neropa steps are demonstrated by the following three lists: the ones on the left and in the middle show the groundwork everybody does individually (steps 2 and 3), and the right list shows the result (5 and 6) of the Neropa team’s agreement (4), the final two columns show the final gendered roles. In these lists all female roles are marked in light blue and all male roles in pink, the neutral roles are light green, and there is some dark green for bigger roles for which a gender switch is suggested (middle sheet).

When you look at the sheet in the middle with the green neutral marks you will note that one of the no name characters, the Mortgage Broker, remains pink, this is because of the dialogue,  in this fictional script  he says “I as a father understand….“
Furthermore, 3 roles with names are marked in darker green. For these characters the person who did the colouring wants to suggest that they could be gender-switched.
In the team meeting everybody agrees on the light green neutrals, and they follow one of the dark green gender switch suggestions, so Tom Copley, Political Scientist becomes Tina Copley, Political Scientist.
Then the neutrals (the light greens) will get genders, starting with female, and without further discussion just go female malefemale male ….
This strict ,one after the other’-regimen has the advantage that it is fast (no more discussion on whether ,it would be nicer for character D to be a certain gender because …‘). And since everybody agreed that these are neutrals and therefore can be either, there should be no problem.

Let me repeat a quote from David Bowie, that I have mentioned in my blog before:

„In general, I suppose, I find it intensely offensive to see women treated as chattel or appendages. I cannot think of a situation where a woman could not do an equal if not better job than a man. Possibly, a situation requiring only brute strength may be the exception, but here again, a woman would be smart enough to organize the right person for the job. In that singular case, probably a man.“

In our fictional example we started off with 5 female and 23 male characters, and end up with 11 females and 17 males. that is still not balanced of course, but it is a big step, since the number of female characters has doubled. (the 5 : 23 was a bit much, but it’s just as an example, and as I showed in the first part, films with a 1 : 4+ ratio do exist. )
Even if there are only 3 neutral roles (which formerly were male of course!) that means 2 additional parts for actresses, and so the audiences will see more women, possibly more older women – the smaller parts are normally not so youth-fixated.
So ideally a productions will say „We will go Neropa“ and then they follow the above description.
It won’t be up to the initiative of an individual, possibly a casting director, any more to decide whether he / she wants to put up a fight for a gender-switching of a small (or eventually bigger) part.

Also, Neropa could be introduced to the script writers union and the film universities and script department. Somebody who writes a script can go Neropa when it is finished and check the cast list again before handing it to the producer / TV company / funding body or whatever, – but always in a team, since more than two eyes see more than just two eyes. Indeed.

Of course this does not change the stories, the plots, the leads and stereotyped characters yet. But little by little it might and I think it will. And also it does something about the very large quantitative disadvantage. – as I said, more women on screen.
Just imagine if a judge, a barrister or a computer engineer would be marked green for neutral role (arguments like ,women don’t do these jobs‚ aren’t really substantiated!) – so suddenly we get to see a female plumber and a female archaeologist in a small supporting role, not in the centre of the story, but clearly visible. Remember the deaf brother of the Hugh Grant character in „4 Weddings and a Funeral“? He was there and quite distinct, without the film being about deafs (mind you, he could have been a deaf sister also,  couldn’t she?).
And if eventually more film productions, more new seasons of a series start with Neropa, that could possibly lead to more discussions about the leading characters as well. For example: when pitching for something like SHERLOCK, is it essential that he has a brother, or could it also be a sister in a powerful position in nowadays times? Could Dr. Watson be a woman, or Inspector Lestrade, or even Sherlock herself?

Statement – Jean Rogers

„I believe NEROPA would be an excellent tool to aid improvement in gender balance in film and television casting.  It has the potential to improve particularly the opportunities for older actresses whose CV’s invariably deteriorate as they age through lack of sufficient roles.
In the UK actresses like Emma Thompson have advocated ‚gender blind casting‘ for many years but improvement is slow.  However, if we could persuade producers and Broadcasting companies to adopt this good practise initiative as the norm, I believe we would see an exciting improvement.  Good luck, SchspIN!“
Jean Rogers.

Jean is an experienced UK actress and has been an elected Councillor of the actors, performers and creatives‘ union EQUITY for over twenty years, and from 2004-2014 as Vice President.  She serves on Equity’s Women’s Committee, the TUC Women’s Committee and was a member of the International Federation of Actors‘ (FIA) Gender Equality Steering Group.

8 thoughts on “Das Besetzungstool Neropa – A Casting Tool called Neropa

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  5. Pingback: Neropa II: „Ja, aber….” – Neropa II: “Yes, But….” | SchspIN

  6. Pingback: Link: Das Besetzungstool Neropa – filmschreiben

  7. Pingback: Actress Belinde Ruth Stieve on a workable method for more gender balanced casts… – Equal Representation for Actresses

  8. Egal bei welcher Problematik, oft werden nur Missstände aufgezeigt und es wird kritisiert (zweifellos wichtig), aber es werden keine Lösungsansätze aufgezeigt. Erfrischend deshalb dieser Artikel und die Idee des Besetzungstools Neropa.
    Obwohl ich nur einen kleinen Einblick in die Arbeit eines Teams aus Caster/in, Regisseur/in, Produzent/in und Redakteur/in habe, kann ich mir vorstellen, dass der Einsatz von Neropa nicht nur praktikabel ist. Es könnte gewohnte Sehbilder aufbrechen und Fernsehgeschichten eine „ungewöhnliche Nuance“ mitgeben, d.h. endlich könnte man das sehen, was im wahren Leben zur Realität gehört: die Frau Professorin der Pathologie, die KFZ-Mechanikerin, den Erzieher.. und nicht nur Klischees.

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