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Gedanken einer Schauspielerin – An Actress's Thoughts

Was Hänschen lernt… – Teach an Old Dog Tricks!

English Version follows German.

Es gibt ein altes Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Nun können wir natürlich darüber sprechen, wie viel schwieriger es ist, eine Fremdsprache im Alter zu erlernen, das Spielen eines Musikinstruments oder die Grundbegriffe der Glazialmorphologie. Wir können aber auch einfach sagen, ,Ja, mag sein, aber auch Erwachsene können noch viel Neues dazulernen‘.
Nehmen wir als Beispiel Horatio Nelson (1758-1805), der 1797 im Alter von 39 Jahren Admiral wurde und dem einige Monate später, beim Angriff auf Santa Cruz de Tenerife, nach einer Schussverletzung der rechte Arm amputiert wurde. Er war Rechtshänder, und lernte danach mit der linken Hand zu schreiben. Nach einiger Zeit war seine neu erlernte linke Handschrift nicht mehr von der ursprünglichen rechten Handschrift zu unterscheiden (nach Stephen Kurdsen: „Reading Character From Handwriting“).
Sagen wir also, dass wir unser Leben lang lernen können, und unser Leben lang beeindruckbar und beeinflussbar bleiben können. Im Guten wie im Schlechten. Und dass nichts für die Ewigkeit ist. Im Schlechten wie im Guten.

Was Hänschen nicht gelernt hat, kann Hans ja nachholen

Dass Film und Fernsehen unsere Sicht und unser Denken beeinflussen können ist bekannt, das gleiche gilt auch für Bücher, z.B. jene, mit denen wir in der Schule oder als Erwachsene lernen. Für den heutigen Text habe ich ein paar Erwachsenensprachbücher durch die rosablaugrüne NEROPA-Brille betrachtet.
Im ersten Beispiel geht es um das Thema Arbeit und Berufe im Englischunterricht für Erwachsene (Reihe Refresh Now, Klettverlag. Zusatzmaterial). NEROPA fragt: für welchen Beruf ist das Geschlecht wichtig? Spontan fallen mir Henker, Papst, Ayatollah und Hebamme ein, aber diese Berufe sind nicht abgebildet. Sondern:

Kellnerin, Pfarrer, Bauer. Pilot, Soldat, Kapitän, Arzt, Geschäftsmann, Polizist, Krankenschwester, Feuerwehrmann und Richter. Hm. 2 Frauen, 10 Männer. So etwas muss in einem westeuropäischen Land im 21. Jahrhundert eigentlich nicht sein, schon gar nicht, wenn es wie im vorliegenden Fall um die Englische Sprache geht, denn die kennt überwiegend genderneutrale Berufsbezeichnungen: judge, teacher, doctor, director, worker, assistant – und für andere werden neue Begriffe gefunden, statt 1 policewoman + 1 policeman ist es möglich 2 police officers zu sagen, fireman und firewoman werden firefighter.
Wenn tatsächlich alle 12 Berufe als neutral klassifiziert werden können, dann würde die NEROPA-Methode vorschlagen, sie abwechselnd weiblichmännlichweiblichmännlich zu benennen. Also Kellnerin, Pfarrer, Bäuerin, Pilot, Soldatin, Kapitän usw. Ich habe einige Figuren verändert, und bin dabei danach gegangen, was mir mit geringstem digital-zeichnerischem Aufwand / mit Gimp möglich ist. Das Ergebnis zeigt die nächste Abbildung im 50:50 Verhältnis – bitte beachten, dass aus der Krankenschwester ein Pfleger wurde, denn ich hatte vorher aus dem Arzt eine Ärztin gemacht, und wollte nicht alle medizinischen Berufe weiblich haben.

Die Abbildung funktioniert immer noch, die Berufe sind eindeutig zu erkennen.

Als nächster Schritt sollte der NEROPA-Feinschliff angewandt werden, um eine größtmögliche Diversität im Rahmen der Geschlechterparität zu erreichen. Also nicht alle gleich groß zeichnen, gleich dick / dünn, gleich alt oder mit gleicher Hautfarbe. Außerdem könnte jemand im Rollstuhl sitzen und jemand anderes schwanger sein.
Zum einen wird die Abbildung so abwechslungsreicher und realitätsnäher, und zum anderen lädt sie zur Auseinandersetzung ein. Denn worum geht es im Sprachunterricht? Um Sprechen. Was, eine schwangere Richterin? Ein Pfarrer mit Krücke? Ein schwarzer Polizist? Eine alte Ärztin? Das trägt zur student talk time bei, die heutzutage idealerweise 70 – 80 % des Unterrichts ausmachen soll.
Originell ist übrigens, dass auf dem fraglichen Übungsblatt der Satz steht „Remind students that jobs and professions, e.g. doctor, teacher, nurse, engineer, pilot, can be male or female.“ – Erinnere die Schüler/innen daran, dass Berufe männlich oder weiblich sein können, z.B. doctor (Arzt/Ärztin), teacher (Lehrer/in), nurse (Krankenschwester / Pfleger), engineer (Ingenieur/in), pilot (Pilot/in).
Leider wurde die Grafikabteilung nicht daran erinnert.

In einer anderen Reihe (Next, Hueber Verlag) wird nachdem richtigen Mann“ gesucht.

1 M 1 F bewerben sich. Gesucht wird „der richtige Mann für den Job“. Wie stehen die Chancen?

Es liegen die Bewerbungen eines Mannes und einer Frau vor, die unterschiedlich qualifiziert sind, aber wenn sowieso nur nach einem Mann gesucht wird ist das eigentlich egal. (Wobei die Annonce neutral mit „English / biology teacher“ – Englisch- und Biologielehrer/in – überschrieben ist). Und wieder frage ich: fällt so etwas echt niemandem auf, bevor das Buch in Druck geht? Warum nicht „the right person“ oder „best suited for the job“ als Titel wählen?

Ein guter Anfang allein reicht nicht

In einem anderen Sprachbuch, „Japanisch im Sauseschritt“ habe ich gleich mehrere Wunderlichkeiten entdeckt. Das Buch wurde auf Grundlage des englischsprachigen Japanischlehrbuchs „Japanese for Busy People“ entwickelt, weicht aber teilweise deutlich ab.
Zu Beginn des Buches zeigt eine Abbildung das Personal des Buchs. Prima! 4 Männer, 3 Frauen. Aber die Realität der 30 Lektionstexte sieht anders aus, im Zentrum stehen Männer:

  1. Herr Hayashi stellt Herrn Geenen vor
  2. Herr Takano überreicht Herrn Mähner seine Visitenkarte
  3. Herr Littbarski will in ein Kaufhaus gehen
  4. Herr Mähner macht einen Kaufhausbummel
  5. Herr Littbarski kauft einen Fotoapparat in einem Fotogeschäft
  6. Herr Takano trifft Herrn Hayashi am Bahnhof Tokyo
  7. Herr Littbarski besucht am Sonntag Herrn Takano
  8. Bei Takanos
  9. Herr Mähner möchte ein Päckchen nach Hause schicken
  10. Herr Mähner und Herr Takano unterhalten sich über ihre Pläne für das Wochenende

und so weiter und so fort. Insgesamt werden in den 30 Lektionstextüberschriften 46 Männer und 6 Frauen genannt. Gründe? Keine Ahnung. Nach allem was ich von Japan weiß nutzen dort auch Frauen Visitenkarten, bekommen Besuch und verreisen, und ja, auch deutsche Frauen arbeiten in Japan. Die englischsprachige Vorlage ist auch unausgeglichen, aber nicht ganz so extrem (33 Männer, 14 Frauen), und Frauen kommen in den Lektionstexten beispielsweise als Geschäftsreisende vor. Das wirkt aber nur gut im Vergleich zur deutschen Ausgabe.
Einige Texte sind in beiden Büchern ähnlich, aber nicht ganz, wie die nächsten beiden Abbildungen zeigen.

Es ist übrigens nicht so, dass im Sauseschritt-Buch Frauen gar nicht vorkommen, aber sie werden nicht gleichberechtigt behandelt. In der linken Abbildung geht es um 3 grammatische Formen: machen, gerade dabei sein etwas zu machen, etwas gemacht haben. Ein Mann isst, trinkt und bastelt, eine Frau putzt. Auch bedenklich – denn da fange ich langsam an, mir Sorgen zu machen – ist die rechte Abbildung mit der Familie Hoffmann. Was ist mit Frau Hoffmann passiert? (und fällt so etwas echt niemandem auf?)

Nicht-binäre Anreden

In Hindi gibt es etwas sehr Schönes, die respektvolle Suffixanrede –ji, die für alle Geschlechter dieselbe ist, also Babaji und Mamaji. Im Japanischen ist es ähnlich, da wird die respektvolle Anrede mit der Endung –san gebildet, also Stieve-san oder Dein-Name-san, für Männer und für Frauen. Das wird auch im Sauseschritt-Buch gelehrt (wobei ,Fräulein‘ etwas antiquiert ist):

Aber was folgt dann? In der Lektion 8 „Bei Takanos“ wird von dieser Form leider nicht Gebrauch gemacht. Es wird nicht etwa von Takano-san (Her Takano) im Garten und Takano-san (Frau Takano) im Haus gesprochen, sondern von Takano-san im Garten und der Ehefrau von Takano-san im Haus. Das gleiche Phänomen wird in einer anderen Lektion wiederholt. (Die Zeichnung finde ich übrigens sehr klasse).

Natürlich sind die erwähnten Lehrbücher nicht die einzigen, denen die NEROPA-Methode gut tun würde. Vielleicht kennt Ihr ja aus Schul-, Uni- oder Sprachbüchern weitere Beispiele. Dann postet sie gerne in den Kommentaren, oder noch besser, schreibt den Verlagen. Denn es soll sich ja etwas ändern.

Wo bitte bleibt das Positive?

Ich habe ja schon die schöne Zeichnung gelobt. Aber es gibt noch mehr. Ein Berufsbeispiel aus einem anderen Sprachbuch („Hier! Deutsch für die Integration“, Klett-Verlag):

Und falls Ihr jetzt fragt: „Warum überhaupt in Sprachbüchern NEROPA anwenden? Warum es nicht einfach geschehen lassen?“ Weil sich eben von alleine nichts ändert. Das Sauseschritt-Buch wird seit Jahrzehnten in dieser Form aufgelegt. Und diese erdrückende Einseitigkeit scheint niemanden groß gestört zu haben. Gleiches gilt für die Abbildung mit den 12 Berufen vom Anfang des Artikels.
Vielleicht ist es hilfreich, eine strukturierte Vorgehensweise wie NEROPA anzuwenden – Neutrale Rollen finden und paritätisch besetzen / definieren – ohne lange darüber nachdenken zu müssen, welche Person welches Geschlecht bekommt – „wollen wir eher eine Ärztin oder eine Geschäftsfrau?“ – sondern das einfach abwechselnd durchführen. Den Charme des Zufalls nutzen. Oder vielleicht sogar das Geschlecht der Person optisch und vom Namen her undefiniert lassen. Eine kleine Irritation. Bartwuchs und Rock.
Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Lebenslanges Lernen, fortdauernde Veränderungen.

Und bitte: mehr Frauen in die Lehrbücher!

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English Version

You can teach an Old Dog New Tricks!

There is this old saying “You can‘t teach an old dog new tricks.“ So we could talk about how difficult it is for older people to learn a foreign language, a musical instrument or the fundamental concepts of glacial geomorphology. But instead we could just agree that it is still possible for grown-ups to learn new things. Take Horatio Nelson (1758-1805) for example, who was appointed admiral in 1797 when 39 years old and who had his right arm amputated a few months later after he received a bullet wound at the battle of Santa Cruz de Tenerife. Nelson was right-handed, and he learned to write with his left hand after the amputation. After a while his new handwriting was indistinguishable from his original right-hand writing (acc. To Stephen Kurdsen: “Reading Character from Handwriting“).
So let‘s say that we are able to learn and stay impressionable and influenceable all through our lives. For better or for worse. And that nothing is eternal. For worse and for better.

Learning from Books

We know that film and television (can) influence our views and our thinking, the same can be said of books, for example of books we use as school-children or grown-up learners. For today‘s text I looked at some language books for adult education, through rosebluegreen-coloured NEROPA glasses.
The first example is about work and jobs, it‘s from material for teaching English to adults (from the book series Refresh Now, Klettverlag, additional material). NEROPA asks: which jobs require a certain  gender? Spontaneously, I come up with executioner, pope, ayatollah and midwife, but these professions aren‘t in the picture:

Waitress, priest, farmer, soldier, sailor, doctor, businessman, policeman, nurse, fireman, judge. Hm. 2 women, 10 men. This is really unnecessary, in a west European country in the 21st century, especially when it‘s about the English language that knows so many gender neutral job titles – judge, teacher, doctor, director, worker, assistant – and comes up with new gender neutral titles for others: 1 policewoman + 1 policeman are 2 police officers, and fireman and firewoman can both be called firefighters.
If indeed all 12 jobs can be classified as open for women and men, i.e. as gender neutral, then the NEROPA method would suggest to define them femalemalefemalemale alternately. So it would picture waitress, priest, farmer, pilot, soldier, sailor etc. I have changed some of the characters, choosing the ones that were most easily edited. As a result, you see a 50:50 distribution in the next image. Note that I changed the female nurse to a male nurse, because I had turned the male doctor to a female doctor, and did not want all medical professions to be depicted by women.

This image works and can be used for the lessons, all professions are distinguishable. As a next step the NEROPA Finetuning could be applied, to achieve a greatest possible diversity within gender parity. So not all professionals should have the same height, the same size, the same age and the same colour of skin. One could be in a wheelchair and another be pregnant.
On the one hand, the image is then more varied and closer to reality, and on the other hand it provokes discussions. Why do most people learn languages? To be able to speak and communicate. What, a female, pregnant judge? A priest with a crutch? A black police officer? An old female doctor? Start a discussion! All part of the so-called student talk time which should ideally take up 70 to 80 % of the lesson.

What was quite funny: the teachers‘ worksheet accompanying the job lesson said: “Remind students that jobs and professions, e.g. doctor, teacher, nurse, engineer, pilot, can be male or female.“
Unfortunately they forgot to remind the graphics department of that.

In another textbook (Next, Hueber Verlag) they are looking for “the right man“:

They have the applications of a man and a woman who have different qualifications. But if a man is what they want it does not really matter (the job advert is for an “English / biology teacher“). And again I ask if really no one noticed this „right man“ business before the book went into print? Why not “the right person“ or “best suited for the job“?

It takes More than a Good Start

There‘s another language book called „Japanisch im Sauseschritt“ where I noticed several weird pages. The book is based on the English book „Japanese for Busy People“, but differs quite a bit.
At the beginning of the book you see an page with the regular staff for the lessons: 4 men, 3 women. But when you look at the main texts in the 30 chapters (in the English book: only 25 chapters), it‘s a different story, one with men in the centre (translations by me):

  • Mr. Hayashi introduces Mr. Geenen
  • Mr. Takano presents his business card to Mr. Mähner
  • Mr. Littbarski wants to visit a department store
  • Mr. Mähner goes shopping
  • Mr. Littbarski buys a camera in a shop
  • Mr. Takano runs into Mr. Hayashi at Tokyo station
  • Mr. Littbarski visits Mr. Takano on a Sunday
  • At the Takanos
  • Mr. Mähner wants to send a parcel home
  • Mr. Mähner and Mr. Takano talk about their plans for the weekend

This goes on and on. In the 30 introductory texts to the lesson‘s texts 46 men and 6 women are mentioned. Why? No idea. After all I‘ve heard of Japan, the women use business cards as wel, the have visitors, go on trips, and yes, German women also work in Japan. The English original is also unbalanced, but not quite as bad (33 men, 14 women). And women appear in the texts also as businesswomen. This is good, when you compare it to the German books. Some texts are similar in both books as you can see in the next two images:

By the way, it‘s not that there are no women in the Sauseschritt-book, but they are somehow not shown as equals. The left image is about three grammatical forms: do something, be in the process of doing something, and having done something. A man eats, drinks and does some handicraft, the woman cleans. Something else – and here I start to get worried – is shown on the right. It‘s about the Hoffmann family. Where do they live, are they married or not, what are their jobs? I wonder what happened to Mrs. Hoffmann. She is indirectly mentioned (Hans Hoffmann in Tokyo is married), we know she has three children, but where is she? And what is she doing? (did really nobody notice that she is missing?)

Non-binary Titles

There is a nice way of respectfully addressing people – both women and women – in Hindi, it‘s with the suffix -ji that can be used for sexes. The Japanese language knows something similar, there the respectul addressing is done by adding the syllable -san, both to female and male names. This is something that is taught both in the German Sauseschritt- and in the English Busy-people-books:

But what happens then? In chapter 8 “At the Takanos“ they forget all about this -san form. So they don‘t talk of Takano-san (Mr. Takano) in the garden and Takano-san (Mrs. Takano) in the house. But of Takano-san in the garden and the wife of Takano-son in the house. The same happens in another chapter. (by the way, I like the drawing a lot!)

Of course the books I mentioned today are not the only once that could benefit from the NEROPA method. Maybe you know other examples from your school, Uni or adult education times. Then please do write about them in the commentaries, or better still, write to the publishers. Because what we need is change.

And how about mentioning something Positive?

I already praised the lovely drawing. But there is more. Other language books, that are less male biased. Here you see a jobs example from „Hier! Deutsch für die Integration“ – Here! German for Integration (Klett-Verlag):

warehouse clerk, office clerk, nurse, preschool teacher, shop assistant, mechanic, hairdresser, engineer, chef

And in case you should ask “Why use NEROPA in this context? Why not just let it happen naturally?“ Because change does not happen on its own here. The Sauseschritt book has been around for a long time and has been reissued without changes. And neither the authors nor the publishers seem to notice this imbalance. Neither did the makers of the 12 jobs sheet at the beginning of this article.
Maybe it is helpful to apply the structured approach of NEROPA – find the neutral roles and then define them on par genderwise – without having to think about which person gets which gender – „Do we want a female doctor or a business woman?“ – but just do it alternating from the top. Use the charm of coincidence. Or maybe even design and name the people in the pictures in a neutral or androgynous way. Be irritating. How about combining facial hair and skirts.

Push the limits. Learn as long as you live, continue on changing things.

And please: put more women into the course books!

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