SchspIN

Gedanken einer Schauspielerin – An Actress's Thoughts


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Warum arbeitet Ihr nicht mit uns? – Protagonism is Propaganda for Privilege

English Version follows German.

Drehbuchautorinnen schreiben an Fernsehsender

Am Anfang war die Zahl

Seit etwas mehr als sechs Jahren analysiere und kommentiere ich die Film- und Fernsehbranche, wobei es mir dabei primär nicht um Beschreibung des – schlechten – Ist-Zustands geht, sondern um Veränderung. Deshalb mache ich auch Vorschläge wie zum Beispiel #Augenauf, #2v6pN und natürlich NEROPA. Und ich liefere Grundlagendaten, die andere für ihre Arbeit nutzen können. In diesem Zusammenhang wurde ich vor ein paar Wochen von einer Drehbuchautorin angerufen die wissen wollte, wie viele TATORT-Bücher 2018 von Frauen geschrieben wurden. Perfektes Timing, ich hatte ein paar Wochen zuvor meinen 6-Gewerke-Check der TATORTE 2011 bis 2018 (Verbrechen aus Männersicht) veröffentlicht. Ein zaghafter Anstieg der Frauen im Regiefach gen anvisiertem 20 %-Frauenanteil ist sichtbar, gleichzeitig bewegte sich aber der Autorinnenanteil rapide in den Keller und bei Kamera und Ton wurden sogar Nullwerte erreicht.
Der TATORT gilt als das höchstbezahlte 90-Minuten Format, warum soll diese Einkommensquelle Frauen vorenthalten werden? Warum agiert ein mit öffentlichen Geldern finanzierter Sender nicht im Sinne des Grundgesetzes und diskriminiert Menschen aufgrund ihres Geschlechts? Und nicht zuletzt: was bedeutet es für das Publikum, wenn die Geschichten (fast) nur von Männern gefilmt und erzählt werden? Ich habe über diese Problematik neulich im Zusammenhang mit der Serie BABYLON BERLIN geschrieben (Babylon Männersoap Berlin), Produzenten und Kameramänner und vor allem drei Regisseure, die auch die Bücher verfassten, – was sich ungünstig gestalterisch und und vor allem inhaltlich auswirkte. Gestern hörte ich, dass die zweite Staffel von BAD BANKS, nicht wie die erste Staffel von einem Headautor (Oliver Kienle) und zwei Staff-Autor*innen (Jana Burbach und Jan Galli), sondern nur noch von Männern geschrieben wird. Die Staffel, in der die junge Bankerin Jana Liekam (Paula Beer) und die ältere Bankerin Christelle Leblanc (Désirée Nosbusch) im Zentrum stehen. Fällt so etwas niemandem auf?
Doch zurück zum Anruf der Autorin.

Drehbuchautorinnen zweier Länder wehren sich


Meine TATORT-Analysen wurden zum Anstoß für eine innerhalb [Weiterlesen – Read On]

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Nachgereicht: Der Polizeiruf 110 – The other Top Cop Drama (ARD)

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Letzten Monat habe ich meine Untersuchung inklusive 6-Gewerke-Check der TATORTE 2011 bis 18 veröffentlicht – Verbrechen  aus Männersicht, nachdem Ende Juli die TATORT-Analyse für die sechseinhalb Jahre bis zur Sommerpause 2018 als Was tut sich am TATORT? – #2v6pN erschienen war.
Zur Erinnerung: die Entwicklung ist alles andere als gut, 2018 waren nur 5,5 % Drehbuchautorinnen und jeweils 0 % Kamerafrauen und Tonmeisterinnen in den Teams. Als mich kurz darauf jemand nach den POLIZEIRUF 110-Zahlen fragte musste ich passen, denn den kleinen Vetter der TATORTE hatte ich mir noch nie wirklich angeguckt. Es sind ja immer nur eine Handvoll Filme pro Jahr, woraus schwerlich substanzielle Schlüsse zu ziehen sind. Oder doch?
Heute nun also die erstausgestrahlten POLIZEIRUFE der Jahre 2011 bis 18, einzeln und zusammengenommen mit den jeweiligen TATORTEN, mit herzlichem Dank an Ariela und Susanne für den Anstoß.

Tatüü Tataa, der Polizeiruf ist da!

POLIZEIRUF 100 ist eine Fernsehreihe aus der DDR, die erstmals am 27.6.1971 ausgestrahlt wurde als  DER FALL LISA MURNAU. Bis 1990 produziert vom Fernsehen der DDR, bis 1993 vom DFF Deutschen Fernsehfunk und danach von den verschiedenen ARD Sendeanstalten. Zum Vergleich: der erste der ursprünglich westdeutschen TATORTE wurde am 29.11.1970 in der ARD gesendet, TAXI NACH LEIPZIG.
Die ersten Jahrzehnte POLIZEIRUFE spielten logischerweise in der DDR, später dann in ostdeutschen Städten. Es gab und gibt aber Ausnahmen: Wien (4 Filme), Heilbronn (3), München/Nürnberg (6), Offenbach (8), Volpe (8), Bad Homburg (4) und München (36) (alle Zahlen ohne Gewähr, habe sie von Wikipedia, und das ist keine 100 % zuverlässige Quelle. Mehr zur Geschichte des POLIZEIRUFS findet sich auf der ARD-Seite.
Ich kann nur mutmaßen, wieso es auch POLIZEIRUFE in Städten der ehemaligen BRD gibt, was ich aber nicht verstehe ist, warum es seit 1998 auch einen in München gibt, denn dort ist bereits seit 1991 das TATORT-Team gespielt von Miroslav Nemec (*1954) und Udo Wachtveitl (*1958) am Start, bisher in rund 80 Fällen.

Aktuell gibt es gefühlt 612 TATORT-Teams, tatsächlich sind es 22. (Auf der ARD-Webseite werden 23 Teams gelistet, davon 2 für den Schwarzwald). POLIZEIRUFE werden derzeit für vier Städte geschrieben:

Rostock: seit 2011 mit Charly Hübner (* 1972) und Anneke Kim Sarnau (* 1972)
Frankfurt / Oder: seit 2012 Maria Simon (*1976) und Lukas Gregorowicz (*1976)
Magdeburg: seit 2013 Claudia Michelsen (*1969) und Matthias Matschke (*1968)
München: ab 2019 Verena Altenberger (*1987).

Warum ich die (Weiterlesen – Read On)


Die deutschen Kinofilme der letzten Jahre – German Top Film 2012-18

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Nachdem ich zuletzt einen Blick auf sechs Gewerke hinter der Kamera bei den TATORTEN 2011 bis 2018 geworfen hatte (Verbrechen aus Männersicht) gibt es heute eine Analyse der 100 erfolgreichsten deutschen Kinofilme der letzten sieben Jahre, wieder mit besonderem Blick auf die beschäftigten Filmfrauen und Filmmänner in den Gewerken Regie, Drehbuch, Kamera, Komposition, Ton und Montage.  Ich habe die Filmgruppen weiter aufgeteilt, so gibt es Untersuchungen von den Top 50 und Top 100 Filmen, manchmal außerdem noch von den Top 10 und Top 20 Filmen. Als Quelle habe ich die Filmhitlisten der FFA verwendet, und die Crewangaben bei Filmportal.de, crewunited.com und IMDB.com recherchiert.
Dass die Bilder heute sehr bunt sind liegt daran, dass ich jedem Jahr ohne System eine Farbe zugewiesen habe sobald es in den Untersuchungen erstmals auftauchte, und diese Farben habe ich beibehalten bzw. fortgeführt. Und schließlich: die Bilder sind als Galerien angelegt, d.h. Ihr könnt einfach ein Bild, z.B. das erste, anklicken, und dann durch die vergrößerten Abbildungen wandern.

Top 100 deutsche Kinofilme 2012 bis 2018

Was für Filme gab es überhaupt?

Die ersten Abbildungen zeigen die Top 50 und Top 100 Filme, aufgeteilt in Spielfilme, Animationsfilme und Dokumentarfilme. Dass die größte Gruppe die Spielfilme bilden liegt auf der Hand, es sind übrigens auch immer recht viele Spielfilme für Kinder vertreten, 2018 sogar auf Platz 1 (LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER), in den meisten anderen Jahren waren es u.a. die verschiedenen Auflagen von FACK JU GÖTHE. Animationsfilme sind unter den Top 50 und Top 100 ähnlich häufig vertreten, Dokumentarfilme tauchen eher in der zweiten Hälfte auf, aber es gibt sie auch auf den oberen Rängen, die höchsten Platzierungen in den sieben Jahren erreichten DIE MANNSCHAFT, ein Dokumentarfilm über die deutsche Männerfußballnationalmannschaft (2014, Platz 10), PAPST FRANZISKUS, EIN MANN SEINES WORTES (2018, Platz 16) und die crowdgefundete Reisedokumentation WEIT. DIE GESCHICHTE VON EINEM WEG UM DIE WELT (2017, Platz 17). Bei den Animationsfilmen lagen DIE BIENE MAJA, DER KINOFILM (2014) und HAPPY FAMILY (2017) jeweils auf Platz 12.

Der 6-Gewerke-Check für die Top 10, 20, 50 und 100

Vier Abbildungen, selbsterklärend. Dargestellt sind die Frauenanteile in den sechs Gewerken Regie, Drehbuch, Kamera, Komposition, Ton und Montage für die sieben Jahre 2012 bis 2018. Als Referenzwert wird der Frauenanteil unter den Alumni angegeben (Quelle FFA Studie Gender und Film). Für Komposition gibt es keinen Referenzwert, da es (Weiterlesen – Read On)


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Verbrechen aus Männersicht – Crimes from a Male Perspective

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Vergangenen Sommer hatte ich eine Auswertung der TATORTE 2011 bis 2018 erstes Halbjahr veröffentlicht, es ging um sechs Gewerke hinter der Kamera – Regie, Drehbuch, Kamera, Ton, Musik und Schnitt – und die erstgenannten Rollen und den Hauptcast (Was tut sich am TATORT? – #2v6pN).
Heute gibt es die ergänzten Statistiken mit dem vollständigen 2018er –  insgesamt 37 – TATORT-Premieren sowie einigen zusätzlichen Untersuchungen zu den Regisseurinnen und Regisseuren, wie  dem Alter bei ihren TATORT-Debüts und der Anzahl aller bis Ende 2018 übernommenen TATORT-Regieaufträge, auch schon bevor 2011.

Fast 20 % Frauenanteil bei Regie, wie toll ist das?


Es ist keine große Neuigkeit mehr, dass es deutlich weniger Filme von Regisseurinnen umgesetzt werden als von Regisseuren, und zwar auch deutlich weniger, als dem Anteil der Regie-Absolventinnen an den Filmhochschulen entspricht (44 %) und auch weniger als ihrem aktiven Anteil in der Branche entspricht (Referenzwert Crew United Datenbank: Regisseurinnenanteil 25,3 %). Darüber forsche und schreibe ich seit Januar 2013 (SchspIN – Gedanken einer Schauspielerin), Pro Quote Regie trat im Oktober 2014 erstmals an die Öffentlichkeit, u.a. mit dem Ruf nach einer gestaffelten Frauenquote für ihr Gewerk sowie mit der Forderung „einer wissenschaftlichen Studie zum Werdegang und beruflicher Situation von Regisseurinnen in Deutschland sowie zur Vergabepraxis von Rundfunkanstalten und Fördergremien“, und der 94-seitige 1. Diversitätsbericht des Regieverbandes BVR „zum Anteil von Regisseurinnen an fiktionalen Film- und Fernsehproduktionen über den Zeitraum 2010-2013“ erschien im November 2014.

Vielleicht etwas langsam reagieren Sender, Produktionsfirmen und Redaktionen, mal ist von 20 % Regisseurinnen als Zielvorgabe die Rede, mal wird deutlich mehr erreicht – zum Beispiel beim ZDF Kleines Fernsehspiel. Und bei den TATORTEN?

2018 waren insgesamt 30 TATORTE von einem Regisseur und 7 von einer Regisseurin in Szene gesetzt. Das ist ein Frauenanteil von 18,9 % – also fast die anvisierten 20 %. Zum Halbjahr waren es 19 %, also keine große Veränderung.
Um etwas mehr ins Detail zu gehen,  es waren (Weiterlesen – Read On)


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Unterwegs auf der Grünen Insel – #WakingTheFeminists

The English version of this article was published on Oct. 24.

Vor zwei Wochen fanden auf Einladung von Irish Equity und Equity Schottland & Nordirland zwei NEROPA-Seminare für Vertreter*innen der Theater- und Filmbranche in Dublin und Belfast statt. Hier ein kurzer Bericht, eine Vorstellung der Beteiligten auf beiden Seiten der Grenze und außerdem – mit freundlicher Genehmigung – Ausschnitte aus den Keynotes von Sarah Durkin („We need to Talk about Power and Representation“) in Dublin und Maggie Cronin (We have Come a Long Way and still have a Long Way to Go“).

Mit NEROPA nach Dublin und Belfast

Ich habe ja schon öfter über Initiativen in Großbritannien zum Abbau des Genderungleichgewichts in der Filmbranche geschrieben, (aus dem Anfangsjahr dieses Blogs, 2013, ist z.B. das Interview mit der Schauspielerin und Equity Women‘s Committee Mitglied Jean Rogers (Gut gemacht, Schwester Equity!), und 2016 war ich das erste Mal zu einem Treffen mit verschiedenen Kolleginnen und Aktivistinnen in London (siehe SchspIN in London). Schließlich fand diesen Januar, organisiert von Equity UK und dem British Film Institute BFI, auf Initiative von Jean Rogers und dem Women‘s Committee ein NEROPA Symposium in London statt. Kurze Zeit darauf kontaktierte mich Lorne Boswell vom Equity Büro in Glasgow, der einen NEROPA Doppelpack in Irland und Nordirland vorschlug, und mich wiederum mit Karan O‘Loughlin von Equity in der Irischen Republik bekannt [Weiterlesen – Read On]


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Was tut sich am TATORT? – #2v6pN – Who’s to be seen in CRIME SCENE?

English Version follows German.

TATORT-Analyse 2011-18: Sechs Gewerke und der Hauptcast


Zum 1. August 2015 hatte sich die ARD-Tochter Degeto Film GmbH zunächst für drei Jahre verpflichtet, den Regisseurinnenanteil in ihren Produktionen auf 20 % zu erhöhen:

Damit greift Christine Strobl eine Forderung auf, die „Pro Quote Regie“ im vergangenen Jahr formuliert hatte. Zwanzig Prozent aller Filme in der Regie von Frauen, das sei ein „maßvolles Ziel“, sagt Christine Strobl (…). Sie will damit in der Branche, bei Produzenten und in den Redaktionen für ein „verändertes Bewusstsein“ sorgen.
(Manfred Hanfeld: Zwanzig Prozent Regisseurinnen FAZ 8.7.15)

Ob es zu den 20 % Regisseurinnen gekommen ist und auch zum veränderten Bewusstsein in Redaktionen weiß ich nicht – es ist auch gar nicht so einfach, die Degeto-Produktionen eines Jahrgangs herauszufinden – aber zumindest kann ich sagen, dass die ARD- TATORTE (die nicht von der Degeto sondern von Landesrundfunkanstalten produziert werden) im ersten Halbjahr 2018 die Regisseurinnenmarke von 20 % fast erreicht haben.

Ich habe außerdem noch einen weitergehenden Selbstverpflichtungs-Vorschlag, aber dazu später mehr, am Ende des Textes (2v6pN). Jetzt erst mal die TATORTE.

Das erste TATORT-Halbjahr 2018

4 von bislang 21 TATORTEN 2018, das sind 19 %, wurden von Frauen inszeniert. Im gleichen Zeitraum gingen allerdings die Frauenanteile in einigen anderen Gewerken  in den Keller. Keine Frau lieferte die Bilder, keine den Ton, und auch die Geschichten, die Dialoge schrieben nur zu 7 % Frauen. Das zeigt die folgende linke Abbildung.
Besteht womöglich ein Zusammenhang zum erhöhten Regisseurinnenanteil? Diese Vermutung [Weiterlesen – Read On]


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Let’s Talk about the Inclusion Rider

Die deutsche Fassung wurde am 4. Juni veröffentlicht.

“I have two words to leave with you tonight, ladies and gentlemen: Inclusion Rider.”
Frances McDormand, US-American Actress, Academy Awards March 2018

A Closer Look at the Inclusion Rider

For the last months, the term inclusion rider has been popping up in newspapers and social media In many countries across the globe, including Germany. At the same time I got the impression that it is not always quite clear what this is all about, and that maybe applying it in the German film industry may not be that easy. So today I am publishing a more extensive article on the topic.
All highlighting within original quotes was done by me.

A Best Actress‘s Acceptance Speech

Within one night (the term) inclusion rider came known to a bigger audience was made known to a bigger audience. It happened in March 2018 at the Academy Awards. Frances McDormand was voted Best Actress for her leading role in THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI. At the end of her acceptance speech she asked all female nominees in the room to get up and concluded:

„we all have stories to tell and projects we need financed. Don’t talk to us about it at the parties tonight. Invite us into your office in a couple of days, or you can come to ours, whichever suits you best, and we’ll tell you all about them. I have two words to leave with you tonight, ladies and gentlemen: Inclusion Rider.“

What exactly is the inclusion rider and what can it achieve? McDormand said after the ceremony, that an inclusion rider allows actors to demand that the cast and crew consist of a certain percentage of people who represent diversity — i.e. women, LGBTQ people, people with disabilities, and people of color. (tvguide, 5.3.) and that everybody who does a negotiation on a film — which means you can ask for or demand at least 50 percent diversity in not only the casting but the crew. (Hollywoodreporter 4.3.)
Diversity is yet another term that everybody understands and uses differently – is diversity another word for reality, i.e. the mix of people in our societies? Then the target should be 100 %. Or is diversity another word for underrepresented minorities? Then it would mean that white, heterosexual women without disabilities are not part of it, unless they are old? This is a topic for another day.
The inclusion rider – I am proposing Diversitätsklausel as the German translation – has been defined in many ways in the night [Weiterlesen – Read On]