SchspIN

Gedanken einer Schauspielerin – An Actress's Thoughts


Ein Kommentar

Neropen in der Stoffentwicklung

The English Version of this text can be found here.

  • Die Ausgangsfrage
  • Die NEROPA-Ampel
  • Schreibe erst, entscheide später
  • Ist das wirklich nötig?
  • Die FFA-Filmförderung November 17
  • Epilog: Schiffe, die sich nachts begegnen

Die Ausgangsfrage

Ab und zu werde ich gefragt, ob auch Drehbuchautor*innen das Besetzungstool NEROPA anwenden können, um das Rollenungleichgewichte zwischen Männern und Frauen in Film und Fernsehen abzubauen. Die Antwort heißt „eher nein“ und „ja natürlich“ zugleich, letzteres werde ich heute erklären.
Der NEROPA-Check für einen Film wird idealerweise von drei Personen ausgeführt. Sechs Augen sehen mehr als zwei, Gehirne ticken nicht gleich und Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen. Die drei NEROPA-Beauftragten werden vermutlich differierende neutrale Rollen im Buch ausmachen, also Rollen, deren Geschlecht für die Handlung nicht wichtig ist. Dann sprechen sie miteinander und einigen sich auf eine gemeinsame Liste (siehe auch: Der NEROPA-Check).

„eher nein“
Ein Drehbuch – davon wollen wir ausgehen, zumindest solange es noch nicht beispielsweise in der Vorproduktion verändert wurde – ist das, was der Autor oder die Autorin meint, genau diese Figuren sollen darin vorkommen, genau das sagen sie, genau das tun sie. Wenn die Drehbuchautor*innen ihre fertiggestellten Bücher neropen* sollen, würden sie wahrscheinlich auf null neutrale Rollen kommen. Fragt mal ein Kind nach den Namen seiner Stofftiere. „Ah, das ist also der Hasi. Könnte es nicht [Weiterlesen – Read On]

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Filmgewerke – 2017 – Film Professions

English Version follows German.

Im Juni 2014 hatte ich über 32 Teampositionen am Filmset hinter der Kamera und 2 Positionen vor der Kamera geschrieben und dazu die entsprechenden Datenbankeinträge von Crew United ausgewertet (Film: Frauengewerke, Männergewerke?). Heute gibt es eine Aktualisierung für 2017, sowohl für  Gewerke als auch für Schauspieler*innen (inklusive Altersverteilung, Grundlage sind hier die Datenbanken von Filmmakers und der ZAV Künstlervermittlung).
In den Filmberufen finden prozentual weniger Frauen Arbeit als zur Verfügung stehen. Das Frau-Mann-Verhältnis im Schauspielberuf ist keineswegs ausgeglichen.

Referenzwerte für statistische Filmanalysen

Für meine Auswertungen von Filmgruppen (z.B. Top 100 Kinofilme, TATORTE, Fernsehfilme der Woche, Filmpreisnominierungen) habe ich in der Vergangenheit neben der 50 %-Linie meist zwei Referenzwerte angegeben, den Frauenanteil im soweit vorhanden jeweiligen Berufsverband und den Frauenanteil in dem Gewerk in der Crew United Datenbank. Diese wurden in den meiste Fällen bei den von mir untersuchten Filmgruppen nicht erreicht, wie beispielsweise die folgende Abbildung zeigt, auf der die Frauenanteile für sieben Gewerken der Top 100 deutschen Kinofilme 2012 bis 15 dargestellt sind:

Gelbe Linie = 50 %, rote Quadrate = Frauenanteil in der Datenbank Crew United.

Frauen sind im Vergleich zu ihrem Anteil im Gewerk unterrepräsentiert. Dies gilt – vielleicht überraschenderweise? – nicht nur für die Gewerke, in denen ihr Anteil deutlich unter 50 % liegt. Auch in den ,Frauengewerken‘ Kostümbild (91 %) und Besetzung (87 %) werden Männer überproportional engagiert. Diese Daten habe ich zuletzt vor drei Jahren beschrieben, deshalb wird es Zeit für ein Update. Vincent Lutz von crew united München hat mir 2017 dankenswerterweise die absoluten Datenbankeinträge weiblicher und männlicher Filmschaffender für 34 Gewerke zur Verfügung gestellt.

34 Gewerke

Die folgende Bildergalerie zeigt zunächst die prozentualen Frauen- (hellblau) und Männeranteile (rosa) für alle Gewerke, jeweils 2014 und 2017. Danach werden sie in 6 Gruppen (Logistik, Idee, Bild, Look, Tuning und Spiel) zusammengefasst. Dargestellt sind die Frauenanteile für 2017 (volle Säulen) und 2014 (gestreift).
Bei der [Weiterlesen – Read On]


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2 Interviews

 

Letzte Woche wurde ich gleich zweimal interviewt: / Last week I was interviewed twice:

Cecilia Johnson-Ferguson vom EWAWOMEN Netzwerk befragte mich (auf Englisch) zu meinem Besetzungstool NEROPA, und Yvonne de Andrés vom Aviva Berlin Online Magazin sprach mit mir (auf Deutsch) anlässlich der Vorstellung der von Maria Furtwänglerin initiierten Studie «Audiovisuelle Diversität?»  der Universität Rostock.
Cecilia Johnson-Ferguson of EWAWOMEN Netzwerk interviewed me (in English) on my casting-tool NEROPA, and Yvonne de Andrés of Aviva Berlin Online Magazine spoke to me (in German) after the presentation of a summary of
the study «Audiovisual Diversity?» of the University of Rostock, which had been initiated by German actress Maria Furtwängler.

Cecilia Johnson-Ferguson: Neropa, an innovative tool to counterbalance the unequal gender distribution of film characters

One of our active members, Belinde Ruth Stieve, has developed an innovative tool to counterbalance the unequal gender distribution of film characters in the audiovisual industry. Belinde is a German actress from Hamburg, who started researching the situation of women behind and in front of the camera four years ago. We have asked her a few questions to find out more about NEROPA.

1.How and when did you come up with the idea of a casting tool?
That was 1 1⁄2 years ago. I had been doing my own research for years, both on the situation behind and in front of the camera, and of course I knew about the international findings. In Germany and probably most other countries there is a strong majority of male over female roles in film and television, in regards to both quantity and quality. And then there is this age thing, roles for women start decreasing from age 40, roles for men fifteen years later.
All this has a negative impact on the audience, young and old, female and male. With less women on screen, women have less potential characters to identify or contrast with. Less professional diversity of female characters (…)
Read more: european women’s audiovisual network, 18.7.17

Yvonne de Andrés: Interview mit Belinde Ruth Stieve

Überholte Rollenbilder in Film und TV. Die Studie „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland“, initiiert von Dr. Maria Furtwängler, hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. AVIVA-Berlin sprach darüber mit Belinde Ruth Stieve, Schauspielerin und Bloggerin, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt.
Die Welt ist bunt und vielfältig, die Hälfte davon sind Frauen. Doch dies, so stellt die Studie „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland“ fest, wird nicht abgebildet. Über 3.000 Stunden TV-Programm aus dem Jahr 2016 und aus über 800 deutschsprachigen Kinofilmen aus den letzten sechs Jahren wurden analysiert. Dazu Dr. Maria Furtwängler: „Es ist wichtig zu verstehen, welches Geschlechterbild mit der enormen Wirkungsmacht des Fernsehens und Kinos transportiert wird. In anderen Ländern wird schon viel getan, um die Darstellung von Frauen und Männern auf Bildschirm und Leinwand wissenschaftlich aufzuarbeiten.“
AVIVA-Berlin hat die Schauspielerin und Bloggerin Belinde Ruth Stieve zum Thema interviewt.

Seit Januar 2013 (…)
Weiterlesen hier:
Aviva-Berlin Online Magazin, 19.7.17

Irgendwann demnächst werde ich beide Texte übersetzen und zweisprachig hier im Blog veröffentlichen. / Sometime in the future I’ll translate both texts and publish them on SchspIN in German and English.

EWA Network on Twitter and Facebook
Aviva Berlin bei Twitter und Facebook
NEROPA Neutrale Rollen ParitätNeutral Roles Parity


Ein Kommentar

Die Empirie schlägt zurück – STAR WARS – Empiricism Strikes Back

English Version follows German.

Heute geht es um zwei Star Wars Filme und ihre Besetzung, den allerersten, der 1977 als STAR WARS in die Kinos kam (und 1981 um den Untertitel „Teil IV – EINE NEUE HOFFNUNG“ ergänzt wurde) und den bislang zuletzt erschienenen Teil VII, DAS ERWACHEN DER MACHT, aus dem Jahr 2015. Die Fotos heute sind von ARS, die Figuren und Auswertungen von SchspIN.

STAR WARS und die Rollen

Das erste Bild zeigt alle Sprechrollen und die prozentuale Aufteilung des gesprochenen Textes – je weiter vorne eine Figur steht desto mehr Text hat sie im Film. Wie immer sind die weiblichen Figuren in hellblau, die männlichen in pink. schspin_star-wars-1Zwei Männer bei 18 % und eine Frau bei 15 % – nein, das sind nicht Luke, Han Solo und Prinzessin Leia aus dem ersten Film der Reihe, sondern Finn, Han Solo und Rey, drei Hauptfiguren aus  DAS ERWACHEN DER MACHT.
Bild 2 zeigt eine relativ vertikale Sicht auf denselben Set, i
n den letzten drei Reihen stehen [Weiterlesen – Read On]


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Methodik: Schäfchen Zählen ist leicht – Methodology: And Dream of Sheep

English Version follows German.

Letzten Monat war ich auf Einladung von Prof. Dr. Elizabeth Prommer (Institut für Medienforschung an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock) im Forschungskolloquium im MA-Studiengang Kommunikations- und Medienwissenschaft, um über meine SchspIN-Arbeit zur Situation vor der Kamera zu berichten. Mein Vortrag hieß „Schäfchen Zählen ist leicht“ und ging der Frage nach, wie Film- und Fernsehrollen bzw. Schauspieler*innen in einer Produktion erfasst und aussagekräftig statistisch ausgewertet werden können. Dieser Vortrag ist die Grundlage für den heutigen Text, der außerdem drei Beispiele (einen Fernsehfilm, einen Kurzfilm und eine Gender-Filmstudie) beleuchtet.
Besetzungen lassen sich schwerer auswerten als beispielsweise Gewerke; im Gegensatz zu Angaben wie Regie, Drehbuch, Kamera, Kostüm, Casting u.a.m. eines Films werden vollständige Besetzungslisten nicht veröffentlicht, es gibt vielleicht 18 bis 25 unterschiedlich große Sprechrollen, aber außer der Produktion und den an ihr Beteiligten kennt niemand diese Liste.

schspin_schaefchen-zaehlen

Schäfchen Zählen ist leichter. Dezember 2016

Das Bild des nächtlich-schlaflosen Schäfchen-Zählens [Weiterlesen – Read On]


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Neues Jahr – Video Clip 1.1.2017 – New Year

English Version follows German.

Ein Gedanke zum Neuen Jahr

2017 kann in der Film- und Fernsehbranche viel passieren. Der Anteil der Regisseurinnen wird – nicht zuletzt Dank der unermüdlichen Arbeit von Pro Quote Regie und anderer Filmfrauen und Zusammenschlüsse – weiter steigen, vielleicht auch der Anteil der Autorinnen. Langfristig wird sich hoffentlich auch etwas an der Fast-Männerexklusivität in den Gewerken Kamera, Beleuchtung und Ton ändern und der Fast-Frauenexklusivität bei Kostüm und Maske, aber das ist ein Thema für ein anderes Jahr.
Und wie wird es vor der Kamera? Werden auch 2017 weiter veraltete Rollenklischees für Männer und Frauen produziert, doppelt so viele Männer wie Frauen zu sehen sein, überwiegend (attraktive) Frauen unter 40, oft ohne erkennbaren Beruf, die weniger eigenständige Figur sondern Frau, Mutter, Schwester, Tochter oder Geliebte einer männlichen (Haupt-)Figur sind? Werden weiter Vorbilder und Identifikationsfiguren für Mädchen und Frauen fehlen?
Oder wird sich das endlich verändern?

Ohne die Drehbücher / die Geschichten grundsätzlich zu verändern, können durch den NEROPA-Check (siehe http://neropa.stieve.com/) Frauenanteil und Frauenvielfalt im fiktionalen Film und Fernsehen erhöht werden. Das ist ein erster Schritt, den jede Produktion [Weiterlesen – Read On]


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Grimmepreis: 7 Gewerke, 7 Jahre – German TV Award: 7 Divisions, 7 Years

English Version follows German.

7-Gewerke-Check der Nominierungen zum Grimme-Preis 2010 bis 16

Bereits in der Vergangenheit habe ich über die Grimme-Preis-Nominierungen geschrieben, beispielsweise in den Kunst oder Kommerz-Analysen (2012 Stab, 2012 Besetzung, 2013 Stab, 2013 Besetzung).
Warum ist eine Auswertung der fiktionalen Kategorie interessant, dieser zugegebenermaßen kleinen Gruppe von jährlich 14 bis 19 Filmen? Nun, der Grimme-Preis ist gewissermaßen das Äquivalent zum Deutschen Filmpreis, wobei die Fernsehauszeichnungen anders als die Lolas von Juries vergeben geben, denen die Filmliste einer Kommission vorliegt, die wiederum aus allen in ihrer Kategorie vorgeschlagenen Filmen ausgewählt hat. Gleichzeitig sind die Grimme-Preise ein Gegenpart zu den als erfolgreichst geltenden Fernsehfilmen, die über die – leicht dubiosen – Einschaltquoten ermittelt werden. Auf der Seite des Grimme-Instituts heißt es:

Mit einem Grimme-Preis werden Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind. Leitziel der im Grimme-Preis institutionalisierten Fernsehkritik ist eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Fernsehen, das als zentrales und bedeutsames Medium mit vielfachen gesellschaftlichen Bezügen und Wirkungen verstanden wird. In diese kritische Auseinandersetzung sind alle Themen und Formen des Fernsehens einbezogen.
(Hervorhebung durch SchspIN)

Die sieben Gewerke die ich heute untersuche sind Regie, Drehbuch, Produktion, Kamera, Ton, Schnitt und Redaktion (was eigentlich kein Gewerk ist); zusätzlich habe ich die erstgenannten Rollen und die Hauptcasts gendermäßig ausgewertet. Hauptdatenquelle sind die Seiten des Grimme-Instituts, etwaige Teamlücken (manchmal waren alle 7 Positionen aufgeführt, manchmal nur 2 oder 3) wurden über filmportal.de und crew-united.com gefüllt. Ich weiß nicht, wie die Team- und Besetzungslisten auf der Grimme-Seite zustande kommen, vielleicht wurden sie so von den Produktionsfirmen gemeldet.
Von 2010 bis 2016 waren insgesamt 119 fiktionale Filme mit im Hauptcast 614 Schauspieler*innen nominiert, die jährlichen Mittelwerte sind 17 Filme und 116,3 Schauspieler*innen. Die Größe der Hauptcasts schwankt zwischen 3 und 15 (nicht durch zusätzliche Recherche aufgestockt). Im Schnitt werden 6,8 Rollen pro Film genannt.

schspin_grimmepreis_2016

Fiktionale Grimmepreisnominierungen: Männerübergewicht hinter und vor der Kamera.

Frauen arbeiten auch in der heutigen [Weiterlesen – Read On]